Originaltitel: PROJECT HAIL MARY

USA 2026, 156 min
FSK 12
Verleih: Sony

Genre: Science Fiction, Drama, Action

Darsteller: Ryan Gosling, Sandra Hüller

Regie: Phil Lord, Chris Miller

Kinostart: 19.03.26

6 Bewertungen

Der Astronaut

Wohltat wider Willen

DER ASTRONAUT stellt eine schwierige Frage: Was sind Würde und Selbstbestimmung des Einzelnen in einer Krise noch wert? Dann, wenn die äußeren Umstände so brandgefährlich werden, daß offenbar nur noch Zwang und Degradierung als Ausweg bleiben, um das Wohl des Individuums gegen das Wohl des Kollektivs in die Waagschale zu werfen. Wie reagiert man, wenn man das Ich heute gegen die Menschheit und Zukunft eintauschen soll? Man kann einen solchen Konflikt sicher in ganz verschiedenen Konstellationen diskutieren. Dieser neue Science-Fiction-Film unternimmt das jedoch hauptsächlich im Kontext der Klimakrise. Zumindest im weiteren Sinne. So ganz geht die Metaphorik und Übertragung auf gegenwärtige, reale Probleme nicht auf.

In DER ASTRONAUT stirbt die Sonne. Sie ist befallen von einem Mikroorganismus, den Astrophagen, die sich im Universum ausbreiten und ihre Energie aus Sternen speisen. Also droht der Erde eine neue Eiszeit. Man fürchtet das große Massensterben, Ressourcenknappheit, scheiternde Versorgung, Kämpfe um die Verteilung von Gütern. Sandra Hüller spielt in ihrem Hollywood-Ausflug eine Vertreterin der European Space Agency und warnt vor dem kommenden Übel. Sie leitet das Projekt Hail Mary. Als letzte Rettung wählt sie dafür einen tapsigen Physiklehrer und gefallenen Wissenschaftler namens Grace aus, verkörpert von Ryan Gosling. Er wird per One-Way-Ticket ins All entsendet, um das Überleben der Menschheit zu sichern.

Drehbuchautor Drew Goddard bringt diese Mission in ihrer Chronologie durcheinander. Er springt immer wieder zwischen den Zeitebenen. DER ASTRONAUT beginnt also damit, daß Grace ohne Gedächtnis und als letzter Überlebender an Bord eines Raumschiffs erwacht. Über Rückblenden puzzelt die Romanverfilmung nun zusammen, wie der Wissenschaftler in diese Lage geraten konnte und ob es für ihn jemals ein Happy End geben kann. Was sich in der Gegenwart im Weltraum entspinnt, arbeitet zuvorderst mit dem Topos der sogenannten First-Encounter-Szene, des Erstkontakts mit dem Fremden. DER ASTRONAUT handelt im Kern davon, wie sich Grace mit einem außerirdischen Wesen anfreundet, das ihm nicht nur bei der Weltenrettung behilflich sein könnte, sondern auch eine tiefere Form der Selbstreflexion und Selbstoptimierung ermöglicht. Der erste Kontakt geschieht schließlich über das Kennenlernen fremder Sprachen, Gesten, Erscheinungsbilder, auch über die Berührung, wenngleich sie mit Anzügen und anderen lebensrettenden Materialien über Barrieren erfolgt. Plötzlich entsteht daraus unerwartete Nähe und Verbundenheit.

Drew Goddard und die Regisseure Phil Lord und Christopher Miller schenken den beiden Figuren, dem Astronauten und dem steinernen Alien, einige anrührende, mal schlagfertig gewitzte, mal tränenreiche Buddy-Momente. Für ein weit über zwei Stunden dauerndes Sci-Fi-Opus ist all das aber arg redundant und dürftig konstruiert. Statt cleverer Gedankenspiele genügt hier hauptsächlich das gefühlige Auf und Ab. Ein Dilemma wird zwar vorgespielt, aber dann doch auf eine simple Moral heruntergebrochen. Hin und wieder kann man über die aufwendigen Kulissen und den angenehm altmodischen Effektzauber staunen. Im All glitzert und leuchtet es bisweilen herrlich bunt. Als Auseinandersetzung mit seinen brisanten Themen versagt DER ASTRONAUT aber mit jeder weiteren Minute mehr, und er bietet letztlich ernüchternd wenig an, um eine so lange Laufzeit zu rechtfertigen und zu tragen.

Er weiß um die Grausamkeit seines Stoffes, in dem das Individuum im Grunde gezwungen wird, sich selbst hintanzustellen. Zugleich bleibt er dann ganz affirmativ bejahend und unkritisch, wenn die Hauptfiguren Akzeptanz und Resilienz lernen und das, was Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit eigentlich bedeuten sollen. Nur, damit der Film in seiner versöhnlichen und betulichen, aber eigentlich recht krude erdachten Wohltätigkeitsbotschaft aufgeht. Im Kontext der eröffneten Klimakatastrophe erscheint das reichlich hanebüchen. Solidarität, Freundschaft, das Einstehen für andere; alles schön und gut! Noch dazu, wenn es visuell so hübsch verpackt ist. Bezogen auf die thematische Grundlage entsteht dadurch aber vor allem eine weitere Heldenreise, die der Vorstellung und dem erhobenen Zeigefinger verfällt, die Probleme der Welt ließen sich hauptsächlich mit etwas weniger Egoismus, mit individuellen Entscheidungen und Opfern lösen. An die Strukturebenen wagt sich der Film derweil kaum. Man ist da ganz schnell, abstrahiert und weitergesponnen, beim grünen Kapitalismus und Konsum und so weiter und so fort angelangt. Natürlich verträgt sich das bestens mit einem Kinofilm, in dessen Vorspann Amazon prangt.

[ Janick Nolting ]

Der Astronaut ab heute im Kino in Leipzig