Originaltitel: THE HISTORY OF SOUND

USA/GB 2025, 129 min
FSK 6
Verleih: Universal

Genre: Drama, Liebe, Musik

Darsteller: Paul Mescal, Josh O’Connor, Chris Cooper, Molly Price

Regie: Oliver Hermanus

Kinostart: 09.04.26

5 Bewertungen

The History Of Sound

Gottesgeschenke, Lieder und vertane Liebe

Der Anfang ist reinster Terrence Malick: Da schwebt langsam und dicht über dem klaren Wasser eines mäandernden Flusses die Kamera hinweg; gegen die Strömung und hinein in eine winterliche Wildnis. Man hört den Wind und das Flußrauschen; man sieht das Licht, kühl und kräftig, die Bäume am Ufer kahl und mächtig und den Himmel über allem als die reinste Verheißung. Und aus dem Off spricht dazu eine Stimme: „Mein Vater sagte, es sei ein Gottesgeschenk, daß ich Musik sehen kann.“

Lionel heißt der so Beschenkte. Nur sieht Lionel eben nicht nur Notentöne, Akkorde, Harmonien in einer Art farblichem Adäquat, sondern ist darüber hinaus auch noch in der Lage, schnell und akkurat benennen zu können, in welcher Tonlage etwa gerade die Frösche quaken oder der Wind heult oder die alte Tür knarrt. In Lionel vereint sich somit eine ausgeprägte Synästhesie mit einem absoluten Gehör – was man in der Kombination dann durchaus mal Gottesgeschenk nennen darf. In jedem Fall ist es der Grund, daß es Lionel aus dem ländlichen Kentucky nach Boston verschlägt; weg von der Familienfarm und hin ans Musikkonservatorium, wo er den charismatischen Komponisten David kennenlernt. Es ist der Beginn einer großen, einer lebenslangen Liebe. Einer unerfüllten allerdings auch ...

THE HISTORY OF SOUND spannt seinen zeitlichen Erzählbogen von 1917 bis in die 80er-Jahre. Doch die Zeit wiederum, die Lionel und David dabei gemeinsam vergönnt ist, beschränkt sich auf die Phase ihres Kennenlernens, die ein allzu schnelles Ende findet, als David nach Europa in den Krieg muß. Und auf ein Wiedersehen im Winter 1920, als die zwei gemeinsam durch Maine wandern, um, im Namen der noch jungen Wissenschaft der Musikethnologie und bewaffnet mit einer Edison-Maschine samt Wachszylindern, dort die Folksongs der ansässigen Menschen aufzunehmen.

Diese Reise, diese gemeinsame Wanderschaft von Lionel und David, ist das Herzstück von THE HISTORY OF SOUND. Und das Herzstück des Filmes ist sie, weil diese Reise ebenso das Herzstück im Leben dieser beiden Männer ist; weil sie, um einfach mal dabei zu bleiben, ein Geschenk ist, das ihnen gegeben wurde. Und das festzuhalten über die Zeit dieser Reise hinaus, Lionel und David nicht fähig sind.

Warum nicht, zeigt THE HISTORY OF SOUND dann in einer ruhig schweifenden Bewegung. Dabei immer wieder innehaltend, um sich für Momente in gemäldehafte Szenentableaus zu vertiefen oder in kurzen Rückblenden gleichsam Erinnerungen nachzuhängen. Hinschauend und zuhörend. Den Songs zumal, Folkperlen wie „Silver Dagger“, „The Snow It Melts The Soonest“ oder „Fourteen Wildcat Scalps“, die hier allesamt in einer wunderbar schnörkellosen Unmittelbarkeit erklingen. Daß dann zum Finale hin auch „Atmosphere“ von Joy Division zu hören ist oder sich auch Gesänge von Pergolesi oder Lorenzo Perosi in die Handlung betten, ist dabei nicht aufgesetzt, sondern dramaturgisch schlicht folgerichtig.

Basierend auf einer Kurzgeschichte des US-Autors Ben Shattuck ist dem südafrikanischen Regisseur Oliver Hermanus mit THE HISTORY OF SOUND ein Film über die Flüchtigkeit des Glücks gelungen. Über die Zweischneidigkeit von „Gottesgeschenken“, über den Trost der Musik – und über die lebenslange Untröstlichkeit, die noch zu jeder vertanen Liebe gehört, ist diese nur groß genug gewesen.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

The History Of Sound ab heute im Kino in Leipzig