Österreich/D 2026, 120 min
Verleih: Alamode

Genre: Drama

Darsteller: Valerie Pachner, Robert Stadlober, Hanno Koffler, Ronald Zehrfeld, Stefanie Reinsperger

Regie: Adrian Goiginger

Kinostart: 16.04.26

Vier minus drei

Clowns und Heldin

Es sind nicht selten diejenigen, die einem erklären, wie man zu trauern hat, die gar nicht betroffen sind, die bisher gottlob bar jeder Verlusterfahrung sind. Da mag fehlende Sensibilität reinspielen, sehr häufig ist aber kein echter Vorwurf zu machen, denn das Reich der Trauer ist ein unergründliches. Ein schwarzes Loch, ein kaum zu beschreibendes, körperlich und psychisch erschöpfendes Vakuum, ein Zwischenleben, in dem Licht seinen Weg erst wieder finden muß. Und es ist naturgemäß ohnehin so, daß jeder anders trauert, oft gehören emotionale Einmauerung, Sozialphobien und klassische Übersprunghandlungen dazu.

Die Filmhistorie ist übrigens reichlich gefüllt mit starken Werken über Verlust und Trauer, herzpochende Filmkunst wie SIRÂT, POISON, THE WHALE, PETITE MAMAN, THE TREE, THE BROKEN CIRCLE, A SINGLE MAN, SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE, MONSTER’S BALL, DAS STUMME SPIEL DES WINDES oder FRÜHLING, SOMMER, HERBST, WINTER ... UND FRÜHLING seien da nur auszugsweise erwähnt. Jeder dieser Filme erzählt ganz anders von Trauer und zielt genau darin so heftig ins Herz. Und das trifft sehr genau auch auf Adrian Goigingers Kinowucht VIER MINUS DREI zu.

Es ist bereits alles in Barbaras Gesicht, als der Anruf kommt. Es habe einen Unfall gegeben, ein gelber Bus, so einer, wie sie ihn mit ihrem Mann Heli und den zwei Kindern hat, man wisse nix Genaues, sie solle nur schnell kommen, nein, besser nicht zum Bahnübergang, lieber direkt zum Haus der besten Freundin. Da ist eben alles schon in ihrem Gesicht, denn Barbara fürchtet das Vage leider zu Recht. Als Sabine ihr vom Tod Helis berichtet, stockt einem bei Barbaras tiefem Luftholen und der nachfolgenden Frage der Atem: „Und die Kinder?“ Und die Tränen lassen sich nicht mehr zurückhalten, wenn Barbara nur wenig später fleht: „Bleib, Fini!“

Wieviel Schmerz erträgt ein Mensch? Wie sollen eine Welt, ein Weiterleben ohne Heli, die quirlige Fini und Thimo, den kleinen Piraten, überhaupt möglich sein? Und es war bisher ein wirklich sattes Leben. Heli und Barbara sind Clowns, er vor größerem Publikum, sie vor allem auf Palliativstationen vor Kindern, denen nicht mehr viel Lebenszeit bleibt. Sie lieben und leben ihren Beruf, sie sind Künstler und Freaks, Heli gewiß der unbändigere Träumer, es geht immer um alles, das führt auch zu Streitereien, denen Versöhnung folgen muß, weil beide große Herzen haben. Sie werden zwei Kindern das Leben schenken, eine Bruchbude zum neuen Heim veredeln, die Welt meinte es einen Augenaufschlag lang gut mit ihnen.

VIER MINUS DREI erzählt auch vom Außenraum der Trauer, ein hilfsbereiter und darin oft hilfloser Freundeskreis gehört dazu, wahlloser Sex mit seltsamen Fremden ebenso, aber auch eine in ihrem guten Glauben übergriffige Schwiegermutter und vermeintliche Hartherzigkeit. Denn Barbara will wieder als Clown arbeiten, sie braucht ihren Job auch zum Weiterleben, sie glaubt, wieder so weit zu sein, der Chef sieht das anders. Wenn Barbara ihn spielerisch überzeugen will, wird man Zeuge einer geradezu schmerzhaften Fröhlichkeit, und als Sabine sie verkuppeln will und der Angedachte die Floskel schwerer Phasen zitiert und, er ist Schauspieler, dieses mit dem Schlüpfen in schwierige Charaktere wie Mörder untermauern will, wird der Abgrund, der Trauer wirklich bedeutet, sichtbar, man trauert immer allein! Barbara erträgt vieles, wird ungerecht und entzieht sich, wo es nicht anders geht. Für uns als Zuschauer wird sie in alldem zur Heldin, im Prinzip schon durch ihr Gesicht beim erwähnten Anruf ....

Goiginger gelingt es mit erlösendem Geschick, in dieser wahnsinnig traurigen Geschichte Humor aufblitzen zu lassen, das macht VIER MINUS DREI aushaltbar, und selten vermochte es ein Film, so berührend vom Blick in die Hölle und gleichermaßen derart kraftvoll von der Lust aufs Leben zu erzählen. Dafür braucht es überragende Schauspieler, und die hat Goiginger in Robert Stadlober als lebenswütiger Heli und natürlich vor allem in Valerie Pachner als lebensmutige Barbara gefunden. Sein Film ist ein einziges Verständnis, er gibt allen Figuren genug Platz zur Wut, Fassungslosigkeit, Ohnmacht, zum doofen Benehmen, zum Stürzen und zum Wiederaufstehen.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.