Originaltitel: THE ODYSSEY
USA 2026, 173 min
FSK 12
Verleih: Universal
Genre: Literaturverfilmung, Abenteuer, Fantasy
Darsteller: Matt Damon, Anne Hathaway, Charlize Theron, Robert Pattinson
Regie: Christopher Nolan
Kinostart: 16.07.26
Christopher Nolan wirkt zunächst nicht wie der geeignetste Kandidat, um diesen Stoff zu verfilmen. Homers „Odyssee“ spielt in einer legendären Welt, die von Göttern gelenkt und von monströsen Erscheinungen und Sagengestalten bevölkert wird. Insofern war die Neugier groß, wie sich wohl all das Fabulöse, Verzauberte und Religiöse mit der gemeinhin naturalistischen, kühlen bis bürokratischen Ästhetik von Nolans Filmuniversum vertragen würde. Für das Magische und Übersinnliche hatte der Regisseur bislang eher dann Interesse, wenn es sich in Erklärungen, Gesetzmäßigkeiten und lösbare Rätsel verpacken ließ.
Nolan eröffnet DIE ODYSSEE mit einer Texteinblendung: „A Time Of Apparent Magic.” Nüchtern, schnörkellos, effizient, wenngleich im Englischen nicht frei von einer interessanten Mehrdeutigkeit aus Sein und Schein. Im Hintergrund dräut es schon bebend auf der Tonspur. Was ist aber nun das Magische? Vielen dürfte bekannt sein, welche Stationen der listige Held Odysseus auf seinem jahrelangen Heimweg nach dem Trojanischen Krieg überstehen muß. Die Höhle des Zyklopen, die Zauberin Circe, die Fahrt zwischen den Meeresungeheuern Skylla und Charybdis, sein Verhältnis zu der Göttin Athene und so weiter und so fort. All das findet Platz in Nolans knapp dreistündiger Adaption, und die Bilder, die er dafür findet, sind überwältigend und befremdlich zugleich.
Überwältigend in ihrer immensen Logistik, ihren aufwendigen praktischen Effekten, ihrem Mut zum Stunt und Risiko, etwa, wenn es auf hohe See geht, menschenfeindliche Landschaften durchkämmt werden, oder der Zyklop mit großen Puppenteilen zum Leben erwacht. Befremdlich andererseits, weil all die übersinnlichen Elemente so konsequent und wenig überraschend in genau das eingehegt werden: den Nolanschen Naturalismus, der in all den Kreaturen wenig Wundersames findet. Das ist keine Odyssee, die man schaut wie ein Kind, das vielleicht früher Illustrationen in Märchen- und Sagenbüchern bewundert hat. Nolan treibt dem Übersinnlichen das Besondere aus und begreift es als profanen Teil einer wilden, lebensfeindlichen Naturkulisse, die sich in grübelnden, ermatteten, entsetzten bis panischen Gesichtsausdrücken und Großaufnahmen der menschlichen Akteure spiegelt.
Und Nolan übt sich im Horror. Manche Momente sind höchst intensiv in Szene gesetzt, besonders zwei längere Gruseleinlagen. Dann, wenn der Eingang zur Höhle versperrt wird, nachdem man den Zyklopen kurz als Schattenriß erhaschen konnte. Nolan spielt mit unserer Spannung und der Schaulust, doch der Riese verbirgt sich zunächst im Dunkel, in das wir mit den Figuren getaucht werden. Oder dann, wenn Odysseus’ Männer in Schweine verwandelt werden. In das also, was sie in dieser brutalen Welt aus Sicht der ausgebeuteten Frauenfiguren sind. Hier läßt Nolan plötzlich einen schmatzenden, schleimigen, deformierenden Körperhorror von der Leine, daß einem übel werden kann.
In wiederum anderen Momenten ist Nolans Blick auf Homers Mythenwelt derart abgebrüht, karg und reduziert, daß man sich um die faszinierenden Bilder betrogen fühlt, die man sich von dem Stoff vielleicht erhoffen konnte. Wenn die furchteinflößende Skylla beispielsweise nur für wenige Sekunden als Gewimmel grauer Fangarme auftritt, die (gut getarnt) vom Gestein kaum zu unterscheiden sind, dann sind das gewiß keine Schauwerte, die einen in Staunen versetzen oder die ein Kino bieten, das man so noch nie gesehen hat.
Nichtsdestotrotz ist Nolans Epos-Adaption ein enorm packender, eindringlicher, in gewisser Weise auch ein überraschend radikaler, eigenwilliger Film. DIE ODYSSEE kleidet sich in das Monumentale und ist doch ein erstaunlich eng perspektivischer, nach innen gerichteter Film. Nolan geht an die Psychologie, und er geht an das Existentielle. Er interessiert sich weniger für die Wundererscheinungen und deren Spektakel, sondern versucht sich vor allem am Porträt einer menschlichen Krise, durch deren Augen man eine verdüsterte, abstoßende Umgebung erlebt, die sich mit all ihren Naturgewalten gegen das Subjekt gerichtet hat.
Er will erfahrbar werden lassen, wie es wohl sein muß, wenn man in dem Trojanischen Pferd gefangen ist, um Luft ringt und auf den Einsatz wartet. Oder wenn man an Bord des schwankenden Schiffes hockt, über das Wellen und Sturm hinwegpeitschen. Und wie sich das anfühlt, wenn man, getrieben von Schuldgefühlen, Zweifeln und Heimweh, langsam das Gedächtnis und Zeitgefühl verliert. Damit beginnt der Handlungsstrang von Odysseus: dem Festsitzen auf Kalypsos Insel und der langsamen Erinnerung an das Geschehene, aber auch dem Entsetzen, wie viele Jahre ins Land gegangen sind.
Nolan bleibt seinen erzählerischen Tricks und Spielereien insofern treu, als er erneut eine sehr labyrinthisch anmutende, eine subjektiv verankerte Montage benutzt. Ihre Chronologie ist zerstreut in Gedanken, Sprechakten und Erinnerungen. Ständig kreisen die Bilder um die Vergangenheit, die wie ein Trauma in kurzen Fragmenten und Visionen nach oben gespült wird. Manchmal hat das etwas von einem Bewußtseinsstrom, der erst spät zu einem Ende seiner Reflexionen kommt. Homers Text besitzt an sich schon eine verschachtelte Struktur, in der mehrfach zu neuen Metaerzählungen und Berichten ausgeholt wird. Odysseus’ Irrfahrten setzen sich aus diversen Erzählungen zusammen, gerahmt von der hinterbliebenen Familie auf Ithaka, die einerseits auszieht, um Odysseus’ Verbleib zu erforschen, und andererseits um das Konservieren der zerfallenden Machtordnung kämpft. Nolans Film springt folgerichtig zwischen den Perspektiven, Zeiten und Erzählungen. Gleich zu Beginn läßt er den Rapper Travis Scott (eines der Highlights!) als Barden und weitere Erzählinstanz auftreten, die von Trojas Untergang singt. Mit jedem hymnisch vorgetragenen Wort und jedem donnernden Schlag des Stockes auf dem Boden flackern neue Bruchstücke in den Bildern auf, aber was ist am Ende wirklich dran an all den Liedern, Sagen und Verklärungen?
Nolans ODYSSEE positioniert sich als Antikriegsfilm. Einer über Kriegsverkäufer und Kriegsverbrecher, die nun mit ihrer Schuld oder aber ihrem Starrsinn hadern, die mit ihrem Kampf um Ehre und Herrschaft alles zerstören und in endloser Gewalt festhängen. Er schrubbt der Sage allen Glanz von den Knochen, um Bitteres und Häßliches freizulegen. Odysseus ist bei Nolan ein Zerrissener, Gebrochener. Der Trojanische Krieg zerfällt in seiner Siegeserzählung und wird zur zivilisatorischen Katastrophe, einem Schachzug im geostrategischen Machtspiel. Vom Gesicht der schönen Helena, das tausend Schiffe in See stechen ließ, bleiben ein politischer Vorwand und ein vernarbtes, entstelltes Antlitz zurück. Und was ist der Preis für Odysseus’ Heldenmut, Nostalgie und Drang zur Rückkehr?
„Wir haben den Kampf in eine Jagd verwandelt“ spricht Odysseus desillusioniert zu den Kriegstreibern der Gegenwart, während all seine Erinnerungsfetzen zu einem apokalyptischen Ganzen verwachsen. Wenn Nolan im Schlußakt die Geschichte im persönlichen Charakterdrama auf der beeindruckend entworfenen Bühne des Königspalastes verdichtet, wenn er Matt Damon und Anne Hathaway als Odysseus und Penelope miteinander sprechen läßt, wenn eine halbdurchsichtige Trennwand zwischen der Sphäre der Familie und der öffentlich inszenierten Herrschaft im Fackelschein noch einmal wie der Tesserakt aus INTERSTELLAR schimmert, als Bild einer Heimsuchung und eines Abschieds; dann gehört das zu den stärksten, rührendsten Sequenzen, die der Regisseur je inszeniert hat.
Und ohne Hoffnung ist er nicht: Wo sein letzter Film OPPENHEIMER noch vor dem Weltenbrand und Atomkrieg warnte, sieht er dieses Mal zwar wieder eine Menschheit, die sich an sich selbst vergeht, und ein Individuum, das von den eigenen Fehlern und Verantwortungen ereilt wird. Aber er fabuliert ebenso von einer Zukunft ohne Gewalt, von der man sich wie vom Mythos selbst und all seinen gewohnten Zuschreibungen befreit. Oder ist das nur die nächste zweischneidige Weltflucht, ein schlichtes Davonstehlen?
DIE ODYSSEE ist letzlich ein wuchtiger, erschöpfender, ein schwerer und schwermütiger Film, nach dem man sich fühlt, als sei man selbst jahrelang gepeinigt auf Irrfahrt gewesen. Eingehüllt in die wunderbar verspielten, mal metallisch klingelnden und scheppernden, mal laut trommelnden, mal mit leisen Flöten arbeitenden, sphärisch summenden und singenden Klanglandschaften von Ludwig Göransson. Das kann man nun als spröden, harten Brocken bezeichnen oder aber als adäquates Seherlebnis für das Ausgangsmaterial. Nolan hat es jedenfalls geschafft, den überbordenden Text in seiner ambivalenten Essenz und Komplexität auf die Leinwand zu bannen und mit seinen eigenen wiederkehrenden Motiven zu überblenden. Und so viel steht fest: Wo andere seiner Arbeiten mehr wie staubtrockenes Gehirnjogging anmuteten, ist Nolan selten ein so sinnliches Erzählen wie hier gelungen.
[ Janick Nolting ]
Cineplex: 10:45 (OF), 11:00, 14:30, 16:30, 18:00, 19:45
Cinestar: 11:30, 13:40, 15:45, 19:30 (OF), 20:00
Passage Kinos: OmU 17:15, 20:30
Regina Palast: 11:30, 15:15, 17:00, 19:00 (OF), 19:45
Schauburg: OmU 16:30, 19:15
Cineplex: 11:00, 14:30, 16:30, 18:00, 19:45
Cinestar: 11:30, 13:40, 15:45, 19:30, 20:00 (OF)
Passage Kinos: OmU 17:00, 20:30
Regina Palast: 14:30, 17:00, 20:00 (OF), 20:30
Schauburg: OmU 16:30, 19:15
Cineplex: 11:00, 14:30, 16:30, 17:00 (OF), 18:00, 19:45
Cinestar: 11:30, 13:40, 15:45, 19:30 (OF), 20:00
Passage Kinos: OmU 17:15, 20:30
Regina Palast: 14:30, 17:00, 19:45
Schauburg: OmU 16:30, 19:15
Cineplex: 11:00, 15:00, 16:30, 18:30, 19:45
Cinestar: 11:30, 13:40, 15:45, 19:30 (OF), 20:00
Passage Kinos: OmU 17:15, 20:30
Regina Palast: 14:30, 17:00, 19:45
Alle Angaben ohne Gewähr!