Originaltitel: DOGMAN

I 2018, 102 min
FSK 16
Verleih: Alamode

Genre: Drama, Thriller

Darsteller: Marcello Fonte, Edoardo Pesce, Nunzia Schiano

Regie: Matteo Garrone

Kinostart: 18.10.18

1 Bewertung

Dogman

Sanftmut und Tollwut – bittere Parabel aus dem menschlichen Bestiarium

Am Anfang, so erzählt es Regisseur Matteo Garrone, war nur dieses Bild in seinem Kopf: in Käfige eingesperrte Hunde, die bellend, knurrend, winselnd, mehr erschrocken als wütend „eine Explosion menschlicher Bestialität miterleben.“ Nur dieses Bild also; eine visuell-szenische Vision. Und es brauchte ganze zehn Jahre, bevor diese einen erzählerischen Kontext und somit den Weg raus aus Garrones Kopf und rauf auf die Leinwand fand. Was natürlich nur eine kleine Randnotiz ist. Aber eine, die sehr schön zeigt, wie Garrone arbeitet. Oder anders gesagt: wie ein echter Kino-Regisseur arbeitet. Im Anfang: das Bild, der visuelle Impuls. Und daraus erst folgt die Stimulanz zur Erzählung, und zwar zu einer, die dann eben auch visuell stimulierend ist. Und sage nun bloß keiner, das sei doch normal im Kino!

In Garrones neuem Film DOGMAN ist besagte Szene jetzt zu erleben. Bevor die Handlung aber dorthin, bevor sie zu dieser „Explosion menschlicher Bestialität“ gelangt, sieht man, in einer Mischung aus stiller Unerbittlichkeit und fatalistischer Anteilnahme, was dieser Explosion vorausgeht: Marcello heißt der kleine, zartgliedrige Kerl. Ein freundlicher Nachbar, hingebungsvoller Vater einer Tochter und Betreiber eines runtergekommenen Hundesalons in einem nicht weniger runtergekommenen süditalienischen Küstenstädtchen. Ein Ort, von Gott und der Welt verlassen. Nicht aber von Typen wie Simone. Einst Schwergewichtsboxer, jetzt psychotischer Kokain-Junkie. Und ein Krimineller, der sein Umfeld bis aufs Blut peinigt. Eine Heimsuchung, welcher der sein klägliches Einkommen mit etwas Drogenhandel aufpäppelnde Marcello mit schier unverwüstlicher Sanftmut beizukommen sucht.Nützt natürlich nichts. Denn was Garrone in DOGMAN erzählt, ist eine Passionsgeschichte, die trotz ihrer unaufdringlichen und somit klug eingewebten christlichen Bildmetaphorik einem bitteren Realismus frönt. Selig sind die Sanftmütigen? Nun ja, in DOGMAN jedenfalls beschert Marcello maßgeblich auch seine Sanftmut die Hölle.

Zu Marcello Fonte: So heißt der Schauspieler, der Marcello, den „Dogman“, gibt und in Cannes dafür den Preis als „Bester Darsteller“ einheimste. Absolut zu Recht! Allein dieses Gesicht! Eins jener Art, die man auf alten Bildern oder auch in Pasolini-Filmen entdecken kann, und das, so Garrone, „aus einem Italien zu kommen scheint, das im Verschwinden begriffen ist.“ Ein Gesicht, das sich einfügt ins Fresko dieses Films, der neben dem semifiktionalen Meisterwerk GOMORRHA und dem ästhetisch halluzinierenden DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN ein weiterer Beweis für den Ausnahmestatus ist, den Garrone als Regisseur innehat.

Die erzählerische Kraft in DOGMAN ist dabei keine, die die Muskeln spielen läßt. Und einer der diesbezüglich stärksten Aspekte ist, wie das Gleichnishafte der Grundkonstellation immer wieder unterlaufen wird. Daß etwa selbst ein Typ wie Simone, der den Leuten das Leben zur Hölle macht, sich in kurzen, bestechenden Momenten als einer zeigt, der sich selbst die Hölle bereitet, der gefangen im Käfig seines tollwütigen Charakters ist, gibt diesem Film nicht nur eine bittere Dramatik, sondern auch jene Menschlichkeit, die dann angesichts der zu erlebenden menschlichen Bestialität nur umso stärker wirkt.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.