Originaltitel: TRIANGLE OF SADNESS

S/GB/USA/F/Griechenland/Türkei 2022, 147 min
FSK 12
Verleih: Alamode

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Harris Dickinson, Charibi Dean Kriek, Woody Harrelson, Iris Berben

Regie: Ruben Östlund

Kinostart: 13.10.22

7 Bewertungen

Triangle Of Sadness

Bittere Wahrheiten und das großartige große Kotzen

Es ist eine phantastische Szene, und sie wird gleich hier verraten, weil sich schon für sie – versprochen! - der Kinobesuch lohnt. Da sitzen Thomas, Kapitän eines superluxuriösen Kreuzfahrtschiffes, und Dimitri, russischer Multimillionär, der sein Vermögen nach eigener Aussage mit „Scheiße“ verdient, bei einem infernalischen Sturm in der Kapitänskajüte, saufen, als gäbe es kein Morgen (was in gewisser Weise auch zutrifft), und führen im schönsten Einvernehmen einer Seelenverwandtschaft eine Zitate-Schlacht gegeneinander. Thomas, erklärtermaßen Marxist, schießt mit den Klassikern des Marxismus-Leninismus. Dimitri, einstiger Sowjetbürger und jetziger Großkapitalist, schießt mit bewährten Antikommunisten zurück. Seine tollste, die Schlacht entscheidende Granate: „Wie erkennt man einen Kommunisten? Nun, das ist jemand, der Marx und Lenin liest. Und wie erkennt man einen Anti-Kommunisten? Das ist jemand, der Marx und Lenin versteht.“

Ist tatsächlich von Ronald Reagan. Und das alles ist jetzt hier so ausführlich ausgebreitet, weil es bestens fixiert, was Ruben Östlund in seinem neuem Film TRIANGLE OF SADNESS um- und dabei auf die Spitze treibt: Die Menschheit, die große Ideen produziert, um dann Scheiße zu verkaufen. Wofür die Modewelt ebenso eine Metapher ist wie der große Luxuskahn vorm Untergang. Ein Untergang, der kommen wird und mit dem nach dem großen Fressen das große Kotzen einhergeht. Alles wörtlich zu nehmen. Und ziemlich großartig drastisch anzuschauen.

Man kann das durchaus flach finden, wie TRIANGLE OF SADNESS alles zur Allegorie oder Metapher stanzt: das schöne Model-Pärchen Yaya und Carl, die im Mittelpunkt der Handlung und dieses Gruppenporträts des kapitalistischen Zeitgeistes stehen. Die Art, wie dieses Porträt Sozialgefüge, Machtstrukturen, den Konsens umfänglicher Amoralität und immer wieder den Treibstoff dafür (Gier) in Szene setzt. Und wie sich das alles ändert und doch gleich bleibt, wenn aus der süffisanten Kreuzfahrt-Satire die bitterböse Tragikomödie in Form einer Robinsonade wird.

Doch ist Östlund Künstler genug, den Moralisten in sich an die Leine zu nehmen – und dem Erzähler viel Leine zu geben. Ja, zu viel gelegentlich. Nur macht das nichts, weil dieser Film zwei Nerven verdammt gut trifft: den der bitteren Wahrheit über das Wesen des Menschen. Und den der Lust, die diese Wahrheit bereiten kann, wenn sie einem im Kino so kredenzt wird wie hier.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.