Originaltitel: LA MER AU LOIN
F/Marokko/Belgien 2024, 117 min
Verleih: ImmerGuteFilme
Genre: Drama, Liebe
Darsteller: Ayoub Gretaa, Anna Mouglalis, Grégoire Colin
Regie: Saïd Hamich Benlarbi
Kinostart: 23.04.26
Vier Kapitel und einen Epilog braucht es hier, um die Biographie einer Figur auseinanderklaffen zu lassen. Ayoub Gretaa spielt in ZWISCHEN UNS DAS MEER einen jungen Marokkaner, der Anfang der 90er-Jahre nach Frankreich kommt, weil er sich dort ein besseres Leben erhofft. Die Aufnahmen der paradiesisch leuchtenden, blauen Wellen und der sehnsuchtsvolle Blick auf dem Schiff, das leichte Lächeln, mit dem der Film beginnt, werden dabei schon wenige Minuten später mit der harten Realität kontrastiert: Nour und seine Clique schlagen sich mit Gaunereien durch, leben im permanenten Dazwischen, stoßen auf Ablehnung. Freiheit und Verbundenheit zeigen sich am ehesten noch im musikalischen Nachtleben, in das der Film wiederholt eintaucht.
Was die einzelnen Kapitel und verstreichenden Jahre dann zeigen, fasziniert vor allem im Entfalten einer Dreiecksgeschichte – Nour gerät in die Beziehung eines Polizisten. Während es Letzteren insgeheim zu anderen Männern zieht, bandelt Nour mit dessen Frau Noémie an. Was sehen also diese Figuren ineinander, was versprechen sie, wo quälen sie sich vielleicht sogar gegenseitig?
Das Drama läßt sich nie so ganz auf die latente Abgründigkeit und tieferen Begehrensschichten innerhalb der Figurenkonstellation ein. Dafür scheut der Autor und Regisseur Saïd Hamich Benlarbi ein wenig die Zuspitzung oder den neuen Dreh, um sich von einer Vielzahl vergleichbarer Migrationsfilme abzuheben. Der größere Bogen, den er über all die unaufgeregten Episoden und Auslassungen hinweg spannt, formt dennoch ein interessantes, zerbrechliches Bild von einem Mann, der in seiner Exilerfahrung und all den Anstrengungen, endlich irgendwo anzukommen, sowohl von seiner früheren als auch seiner neuen Welt entfremdet wird.
[ Janick Nolting ]