Originaltitel: BEN X

Belgien/NL 2007, 93 min
FSK 12
Verleih: Kinowelt

Genre: Drama, Erwachsenwerden

Darsteller: Greg Timmermans, Laura Verlinden, Marijke Pinoy, Pol Goossen

Regie: Nic Balthazar

Kinostart: 08.05.08

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Ben X

Fesselndes Jugenddrama zwischen den Welten

Man stelle sich vor, nur über eine Dreiviertelstunde des Tages selbst verfügen zu können. Für Ben ist dies Tatsache, denn nur in dieser Zeit, zu ganz früher Stunde, lebt der Teenager in seiner Welt, dem Online-Rollenspiel "Archlord". Er vollbringt Heldentaten, meistert alle Herausforderungen, entrinnt allen Gefahren, und er trainiert. Für die Widrigkeiten des realen Lebens. Doch der Alltag ist nicht vorhersehbar.

Ben, aufgewachsen als Außenseiter, für den die Ärzte endlich eine Diagnose parat haben, das Asperger Syndrom, eine leichte Form von Autismus, kann das Stigma nicht ablegen, wird als anders erkannt, als "Marsmensch" gehänselt und schließlich tyrannisiert. Die Tage in der Schule sind die Hölle, und niemand in seiner Umgebung scheint die Ausmaße des Erlittenen zu bemerken. Bens Mutter verkennt die Not ihres Sohnes, unbedingt gewillt, eine "Normalität" für ihn aufrecht zu erhalten. Bens Lehrer schauen weg oder unternehmen nur halbherzige Versuche den Jungen zu schützen, ohne wirkliche Konsequenzen zu ziehen. Eines Tages faßt Ben einen Plan - er will entfliehen, Schluß machen. Doch plötzlich taucht seine Spiel-Partnerin Scarlite in seinem realen Leben auf, um ihm bei seinem finalen (Überlebens-)Kampf beizustehen.

Nic Balthazars Debütfilm basiert auf einem Jugendroman des Regisseurs, den er ausgehend von der Zeitungsnotiz über den Selbstmord eines autistischen Jungen schrieb. Eindringlich verfolgt er auch in der filmischen Umsetzung die Perspektive des Jungen, und dieser Blick gilt den Fragen, was gesellschaftskonform ist und wie die Gesellschaft mit dem Anderssein umgeht. Ben sucht im Online-Rollenspiel Orientierungshilfen für das reale Leben, und zunehmend verschwimmen auch im Film die Grenzen zwischen Fiktion und Realität in rasanten Schnittfolgen. Die virtuelle Welt hält Einzug in den Alltag, das Leben wird zum Strategiespiel, die schlimmsten Schinder werden zu Figuren, die unbesiegbar erscheinen.

Neben dem Ineinandergreifen von Realem und Virtuellem, sorgen Rückblenden und quasi-dokumentarische Szenen für Spannung. Eltern und Lehrer, Schüler und Ärzte kommentieren von Anbeginn des Films ein Geschehen, welches sich erst am Ende erfüllt, ein Kunstgriff, mit dem Balthazar größtmögliche Authentizität erreicht. Seinem jungen Hauptdarsteller Greg Timmermans gelingt es überdies bravourös alle Ansprüche an eine schwierige Rolle einzulösen - BEN X ist nicht zuletzt deshalb lebendig und überaus sehenswert.

[ Jane Wegewitz ] Für Jane ist das Kino ein Ort der Ideen, ein Haus der Filmkunst, die in „Licht-Schrift“ von solchen schreibt. Früh lehrten sie dies Arbeiten von Georges Méliès, Friedrich W. Murnau, Marcel Duchamp und Man Ray, Henri-Georges Clouzot, Jean-Luc Godard, Sidney Lumet, Andrei A. Tarkowski, Ingmar Bergman, Sergio Leone, Rainer W. Fassbinder, Margarethe v. Trotta, Aki Kaurismäki und Helke Misselwitz. Letzte nachhaltige Kinoerlebnisse verdankt Jane Gus Van Sant, Jim Jarmusch, Jeff Nichols, Ulrich Seidl, James Benning, Béla Tarr, Volker Koepp, Hubert Sauper, Nikolaus Geyrhalter, Thierry Michel, Christian Petzold und Kim Ki-duk.