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Licht am Ende des Tunnels

Marcus Lenz’ Debüt ist keinesfalls der erste Film - und auch nicht der erste deutsche, dessen Sujet die Isolation der Menschen in Großstädten ist. Wenn es um dieses Thema geht, werden die Protagonisten, dem modernen Stadtmenschen gleich, gern doppelt eingesperrt, nämlich in sich und miteinander auf engstem Raum. Lenz greift auch zu diesem Mittel, um seine Figuren im Mit- und Gegeneinander entwickeln zu können.

Anna, ehemalige Reiseleiterin, hat sich der Außenwelt verschlossen und schafft es nicht einmal mehr, ihre Wohnung in einem Abrißhaus zu verlassen. Und Jost, ein ruheloser Provokateur, der nachts durch die Straßen streift, stößt durch Zufall eines Tages zu ihr. Unversehens wird der Film zu einem Kammerspiel, unterbrochen nur von nächtlichen Ausbruchsversuchen Josts. Zwischen den beiden Figuren entwickelt sich eine Beziehung, die letztendlich darauf ausgerichtet ist, die Isolation des Anderen zu durchbrechen. Beide aber verstecken sich hinter Lügen, und es entstehen Spannungen, die zu häufig heftigen Auseinandersetzungen führen und zu Gefühlsausbrüchen, die zumeist schmerzlich sind - für beide. Anna bringt es nicht fertig, Jost zu folgen, der sich dem Eingesperrtsein in ihrer Wohnung gelegentlich entzieht. Und Jost, den sein wütender Freiheitsdrang immer wieder forttreibt, möchte zurückkehren, sucht einen Ort, an dem er sein und bleiben kann.

Mit Jule Böwe und Christof Bach hat der Regisseur zwei Schauspieler besetzt, welche Ängste und Schmerzen, Sehnsüchte und die verzweifelte Suche nach dem Leben in diesen beiden Rollen glaubhaft umsetzen. Die Kamera begleitet das Geschehen unaufgeregt und genau, sie erfaßt die Szenen im Ganzen und ist dennoch nah an den Figuren und ihren Handlungen. Die Lichtdramaturgie setzt auf kaltes Blau, und nur vereinzelte Sonnenflecken auf dem Boden in Annas Wohnung zeigen den Wechsel von Tag und Nacht auf. Marcus Lenz’ Film, der schon im Titel eine doppelte Deutung gestattet, nämlich die des verschlossen Seins und die des nahe beieinander Seins, ist eine düstere Etüde über Selbstwahrnehmung, Lebenssinn und die Krankheit unserer Zivilisation.

Daß am Ende doch ein Licht aufscheint, gleicht beinahe einem Gnadenakt und ist dennoch nur dem selbst gefaßten Mut der Protagonisten zu verdanken. Nicht zuletzt dadurch unterscheidet sich CLOSE unaufdringlich und gleichzeitig erstaunlich deutlich von ähnlichen Produktionen.

D 2004, 90 min
Verleih: Basis

Genre: Drama

Darsteller: Christof Bach, Jule Böwe, Julia Jäger

Regie: Marcus Lenz

Kinostart: 10.11.05

[ Jane Wegewitz ] Für Jane ist das Kino ein Ort der Ideen, ein Haus der Filmkunst, die in „Licht-Schrift“ von solchen schreibt. Früh lehrten sie dies Arbeiten von Georges Méliès, Friedrich W. Murnau, Marcel Duchamp und Man Ray, Henri-Georges Clouzot, Jean-Luc Godard, Sidney Lumet, Andrei A. Tarkowski, Ingmar Bergman, Sergio Leone, Rainer W. Fassbinder, Margarethe v. Trotta, Aki Kaurismäki und Helke Misselwitz. Letzte nachhaltige Kinoerlebnisse verdankt Jane Gus Van Sant, Jim Jarmusch, Jeff Nichols, Ulrich Seidl, James Benning, Béla Tarr, Volker Koepp, Hubert Sauper, Nikolaus Geyrhalter, Thierry Michel, Christian Petzold und Kim Ki-duk.