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Das Fischkind

Vom Zauber in der Traurigkeit und einer Liebe gegen jeden Widerstand

Was macht wohl Regisseurin Lucía Puenzo, nachdem sie sich mit dem brillant-unkonventionellen Erstling XXY einiges Gehör verschaffte? Geht sie zukünftig auf Nummer sicher und wendet sich gelackten Hochglanzproduktionen zu? Nein. Richtet sie gierige Blicke gen Hollywood? Absolut nicht. Verfilmt sie als nächstes ganz faul einen Roman? Ja. Aber ihren eigenen, wohlgemerkt. Und, was viel entscheidender sein dürfte, Puenzo schafft es dabei, sich selbst neu zu erfinden.

Sie nimmt die schräge, aus Sicht eines furchtbar häßlichen Köters geschilderte (!) Achterbahn-Vorlage nämlich bloß zur Basis, um daraus ein Zelluloidgemälde voller Magie und Elegie zu erschaffen, welches zwar weiter manchmal die Realität flieht, aber dennoch auf Mätzchen verzichtet. Weswegen sie im ersten Schritt besagten Vierbeiner durch einen edlen Schäferhund ersetzt und ihn außerdem auch schweigen läßt, wie es sich eben gehört. Nichts lenkt vom Fokus ab, der völlig auf Lala ruht, Tochter einer reichen Familie und verliebt in die hübsche Hausangestellte Guayi. Beide träumen von Flucht, einem Domizil für sich allein. Zu diesem Zweck bestehlen sie bereits seit längerer Zeit Lalas Eltern, um den Neubeginn finanziell überhaupt zu ermöglichen. Schon allein hier zeigt Puenzo ihr Geschick sowie Einfühlungsvermögen, indem sie einerseits Lala mit der erneut unglaublich präsenten XXY-Entdeckung Inés Efron besetzt und andererseits Mariela Vitale, in Argentinien als Sängerin berühmt, zu einem beeindruckenden Filmdebüt verhilft. Im Zusammenspiel der Mädchen liegt stets dermaßen viel Zuneigung und Wahrheit, daß man Lalas Geständnis, seit Guayis Auftauchen nie eine andere Frau angesehen zu haben, sofort glaubt.

Das ist auch nötig, denn obwohl Puenzo nach eigener Aussage primär eine Liebesgeschichte inszenieren wollte, bringt sie allerhand Subhandlungen ein, die ohne echte Figuren kaum funktionieren würden. Da gibt es beispielsweise den Mord an Lalas Vater. Oder Guayis dunkle, unverändert die Gegenwart überschattende Vergangenheit. Und natürlich das mysteriöse Fischkind, welches im nahen See lebt und der Legende nach Ertrunkene zum Grund des Gewässers führt. Alle diese Puzzleteile werden fordernd, aber ohne jede artifizielle Anstrengungen miteinander verwoben, während der Kniff einer nicht linearen Erzählung endlich mal echten Sinn bekommt. Wenn Puenzo also immer aufs Neue zwischen verschiedenen Zeitebenen wandelt, geschieht das galant, unaufgeregt und jederzeit passend, um die ganze Tragödie sukzessive zu enthüllen. Selbst grundsätzlich zu oft gesehene Szenen – unter anderem Lalas radikale Haarkürzung – geraten so nie zum Klischee, sondern tragen ihren Teil zur Lösung des finsteren Rätsels bei.

Überhaupt scheint Mehrdeutigkeit zu Puenzos Stärken zu zählen: War in XXY noch die Intersexualität ihrer Protagonistin das amphibolische Element, sorgt hier ein Genremix für fließende Grenzen. Denn die junge Regisseurin schafft es, ihre ausufernde Phantasie immer wieder durch handfeste Actionszenen zu erden oder sogar abstoßende Themen, zum Beispiel Mißbrauch, zu deren Zerstörung heranzuziehen, während Kameramann Rodrigo Pulpeiro seine Bilder mühelos den Gegebenheiten anpaßt – mal warm-romantisch, manchmal grell überbelichtet, dann wieder frostkalt. Als Lala dem Nixenjungen begegnet, erreicht Pulpeiros Kunst schließlich ihren Höhepunkt: Fast märchenhaft visualisiert mutet dieses Zusammentreffen an, das Mädchen wandelt wie eine Prinzessin durch den verzaubert scheinenden Wald. So atemberaubend schön wurde eine im Kern sehr melancholische Sequenz bislang selten eingefangen.

Am Schluß dieser bei aller Magie schwer zu verdauenden, aber vermutlich genau deswegen höchst anrührenden Geschichte steht nicht nur ein aus Liebe begangener Akt der Gewalt, sondern zudem die direkt ausgesprochene Frage: „Haben wir jetzt ein Happy End?“ Man mag das subjektiv bejahen oder anzweifeln; für den emotionalen Nachhall und Lucía Puenzos nun endgültige Bestätigung als eines der aufregendsten Talente unserer Zeit ist es schlichtweg unwichtig.

Originaltitel: EL NIÑO PEZ

Argentinien/Spanien/F 2009, 96 min
Verleih: Salzgeber

Genre: Schwul-Lesbisch, Drama, Liebe

Darsteller: Inés Efron, Mariela Vitale, Carlos Bardem, Arnaldo André

Stab:
Regie: Lucía Puenzo
Drehbuch: Lucía Puenzo
Kamera: Rodrigo Pulpeiro

Kinostart: 04.03.10

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...