D/F 2020, 119 min
Verleih: Neue Visionen

Genre: Drama

Darsteller: Canan Kir, Roger Azar, Özay Fecht, Jana Julia Roth, Céci Chuh

Regie: Anne Zohra Berrached

Kinostart: 12.08.21

Die Welt wird eine andere sein

Die Opfer einer großen Liebe

Ach ja, das Kribbeln im Bauch: Junge trifft Mädchen, Junge flirtet Mädchen an, Mädchen würgt Jungen. Keine schlechte Art der Kontaktaufnahme, der nach circa 12.786 gesehenen Kennenlernstories dafür etwas trübe gewordene filmkritische Blick erhascht unverhoffte Originalität. Und bleibt daher erstaunt haften, begleitet Türkin Asli und Libanese Saeed dabei, sich zu entdecken – obwohl sie Ablehnung erfahren.

Erneut steuert nun Regisseurin Anne Zohra Berrached mit einigem Elan und entschlossener Hingabe ihren Plot an gängigen Klippen vorbei, der tief wurzelnde Konflikt schwelt, die Zügel muß man trotzdem nicht aus den inszenierenden Händen verlieren. Sondern ihm besser für deutsche (nicht nur Kino-)Verhältnisse unerwartet leicht Kontra geben: verspieltes Nacktbaden, zwei fast kindlich voneinander begeisterte Menschen, ungezwungene Körperlichkeit, darin Saeed, wie er in gebrochenem Deutsch so charmant „Pferdschn” nuschelt. Es könnte ewig weiterlaufen – aber schon kurze Zeit danach fängt der junge Mann religiöse Diskussionen an, diese steigern sich schleichend zu kruden Verschwörungstheorien. Asli steht treu an seiner Seite, gute und schlechte Zeiten halt.

Aus der zu Beginn gefälligen, auch hoffnungsfrohen Geschichte zweier Königskinder, die entgegen überlieferten Sagengutes eben doch zusammenkommen können, strickt Berrached jetzt eine in schwindelerregende Spiraldrehung versetzte Obduktion unheilbringender Zuneigung. Zuerst fallen ihr die Freunde anheim, von denen sich Asli im blinden Verteidigungsmodus lossagt, später verfliegt dann die Liebe, bäumt sich zwar nochmals auf, es wabert indes das Gefühl, fremd nebeneinander zu existieren. Das arbeitet Berrached nahezu kühl, aufs Wesentliche reduziert heraus – und plant ein erneut scharfkantig umrissenes Manöver: Bekanntlich wird das Ende einer Beziehung schnell als Kollaps der ganzen Welt empfunden und gern adäquat inszeniert, der Titel scheint entsprechende Ambitionen zu transportieren. Ein Irrtum, diesmal trifft er wirklich exakt ins Schwarze. Mitnichten war der bisherige Verzicht auf zeitliche Verortung des Geschehens ein Kniff zeitlos-universellen Arrangements …

Berracheds Kalkül geht voll auf, ist gleichzeitig Lamento, Schuldfrage, Verarbeitungsversuch. Am Ende schaut Asli buchstäblich auf sich selbst, und jenem verstörenden, betörenden Moment kann allein Stille folgen.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...