Originaltitel: SILÊNCIO – VOZES DE LISBOA

Portugal/Ungarn 2020, 87 min
Verleih: Arsenal

Genre: Dokumentation, Musik

Regie: Judit Kalmár, Céline Coste Carlisle

Kinostart: 08.09.22

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Fado

Raus wie Klopapier

Zugegeben, bei einem erwachsenen Glas Wein in einer schummrigen Casa zu sitzen und in Lissabon oder Porto Fado zu hören, gehört zu den höchsten Freuden im Touristenleben. Wenn nur dieses „Touristen“ nicht wäre! Wie lautet die Alternative? Man kann ja nicht gleich nach Portugal ziehen, um sich weniger mies zu fühlen.

Der Liebe zu den Fadista, ihrem kraftvoll-emotionalen Gesang und herzhaft gespielten Gitarren sollten solche Gedanken nicht in die Quere kommen dürfen, aber wer all die „Vende“-Schilder in den Straßen und Gassen der alten Städte dort entdeckt, glaubt zu wissen, daß auch die Kultur gleich mit zum Verkauf steht. FADO versucht sich am Spagat, einerseits einen Musik- und Lebensstil lustvoll zu feiern, andererseits das zu reflektieren, was den Einheimischen auf den Nägeln brennt und kein anderes Wort als Gentrifizierung zuläßt. Regisseurin Céline Coste Carlisle kam vor zwei Jahrzehnten nach Lissabon und fühlte sich wie ein vergessenes Lied: „Fado wurde mein Freund.“ Auch weil sie auf die heute 82jährige Ivone Días traf, die noch immer in Alfama auftritt, wo präsente Hinweisschilder wie „Ruhe beim Fado“ unnötig sein sollten. Sie und die 40 Jahre jüngere Marta Miranda bekommen wichtigen Raum.

Doch sie singen nicht nur. Sie sprechen über Tradition, Kampf, Stolz und eine immer lauter werdende Traurigkeit, weil das schier Unaufhaltbare im Umfeld grassiert. 30 Prozent der Lisboetas sind schon weggezogen aus Alfama, Clubs müssen schließen, Ferienwohnungen und anonym betriebene Hotels entstehen. „Sie schmeißen uns raus wie Klopapier“, heißt es im Film. „Fadoland“, sagt jemand mit Disneyland im Hinterkopf. Man hofft, Fado ist ein starkes Mädchen.

[ Andreas Körner ]