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Revanche

Ein kluges und intensives Drama über die Utopie der Liebe und das stille Hoffen

Ach, diese Lust am Lebensekel. Dieser masochistische Moralismus. Diese dumpfe Wut. Wer in den letzten Jahren österreichische Filme wie etwa NORDRAND, HUNDSTAGE oder DIE KLAVIERSPIELERIN gesehen hat, weiß, wovon gerade die Rede ist. Der Philosoph Arthur Schopenhauer – ja, der paßt an dieser Stelle gut – sprach einst süffisant von den „Kränkungen des menschlichen Größenwahns.“ Die Menschheit, so Schopenhauer, sei nicht mehr, als ein „Schimmelüberzug lebender und erkennender Wesen.“ Und der Mensch als einzelner ein Tier, erbärmlich und gefährlich in seiner Mischung aus Trieb und Intelligenz. Und als hätten unsere alpinen Nachbarn diese Kränkungen etwas arg persönlich genommen, illustrieren sie diese, seltsam ehrgeizig, mit besagten, einschlägigen Filmen.

Um bei Götz Spielmann zu sein. Der drehte unter anderem ANTARES (2004 für den OSCAR nominiert), einen Film um Liebe, die kälter als der Tod ist, um Sexualität als großer Mechanismus der Demütigung und des nuancierten Selbstekels. Das war, in seiner nicht immer von Selbstgefälligkeit ganz freien Rigorosität, kurz und polemisch gesagt, ein Film über empfindsamen Schimmelüberzug.

„Die Liebe ist keine Illusion, sondern eine Utopie.“ sagte Spielmann damals dazu. So weit, so klar. Doch was jetzt an Spielmanns neuem Film REVANCHE eben so wunderbar und vielleicht auch verwunderlich irrlichtert, ist, wie weit Spielmann dieser Utopie doch inzwischen näher gekommen zu sein scheint. Zugespitzt: Der Film REVANCHE erscheint da ein wenig wie Spielmanns Revanche für seinen Film ANTARES.

Nicht, daß da in Spielmanns neuem Werk lebensfroher Optimismus oder große Versöhnlichkeit obwaltet. Die Welt ist immer noch ein unerfreulicher Platz. Egal, ob in idyllischer Natur oder im Wiener Rotlichtmilieu. In dem arbeiten Tamara und Alex. Sie eine Prostituierte aus der Ukraine, er der Handlanger vom Chef. Tamara und Alex haben eine Affäre. Oder nennen wir es beim Namen: Sie lieben sich. Sie wollen raus aus diesem, ihrem Leben. Neu anfangen. Dafür braucht es Geld. Ein Banküberfall soll es beschaffen. Die erwählte Bank steht in Alex’ alter Heimat, in einem idyllischen Kleinstädtchen. Ein sicherer Coup, glaubt Alex. Freilich irrt er sich. Der Zufall schickt Streifenpolizist Robert. Der schießt auf den flüchtenden Wagen. Tamara wird tödlich getroffen. Alex entkommt unerkannt.

Bis hier erzählt Spielmann seine Geschichte als Sozialdrama mit Film noir-Anleihe. Gezeigt wird der krude Alltag von Tamara und Alex in Wien. Die steten Demütigungen, die ob ihrer Alltäglichkeit als solche nicht mehr wahrgenommen werden und dennoch an der Substanz fressen. Die Liebe, die geheim bleiben muß, die latente Gewalt im Milieu, schmierige Freier, brutale Zuhälter, schließlich der Bankraub und das Desaster, in dem er endet. Der Moment, in dem der Film die Tonart wechselt.

Alex sucht bei seinem alten, verschlossenen Großvater Zuflucht. Auf einem kargen Bauernhof, am Waldrand. Bei körperlicher Arbeit, in schweigsamer Gemeinschaft mit dem Alten. Alex, der der Welt entkommen will, dem Schmerz, den Schuldgefühlen und dem Haß auf den Polizisten Robert. Und Alex, der eben nicht frei kommt, von dem Gedanken, seinen Frieden in einer Gewalttat wiederzufinden. Als er Susanne kennenlernt, scheint dies der Wink des Schicksals, auf den er gewartet hat. Susanne ist die Frau Roberts. Die Ehe seit den tödlichen Schüssen mehr denn je am Erkalten. Susanne sehnt sich nach Nähe, Liebe. Lust. Bei Alex hofft sie es zu finden.

Die Utopie der Liebe und die Illusion ihrer Erfüllung. Davon erzählt auch REVANCHE. Nur, daß Tamara und Alex ja schon in ihrer Utopie lebten. In widrigsten Umständen und gegen diese. Ihre Liebe war das Glücksrefugium, das der Tod zerstörte. Was bleibt: Haß und Leere. Eine Leere, die nicht nur Alex quält, sondern die auch Robert empfindet. Eine Leere, die auch in Susanne widerhallt.

Doch beläßt es REVANCHE eben nicht dabei. Souverän und unaufdringlich setzt Spielmann hier das Prinzip Hoffnung auf den Platz der Utopie. Und so zerbrechlich die auch schimmert, gibt sie dennoch Kraft, sicher Alex und Susanne, vielleicht auch Robert. In jedem Fall aber Spielmanns schönem, stillem Film, der an Intensität gewinnt, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Schließlich erzählt REVANCHE von Menschen und nicht von Schimmelüberzug.

Österreich 2008, 121 min
Verleih: Movienet

Genre: Drama

Darsteller: Johannes Krisch, Andreas Lust, Irina Potapenko, Ursula Strauss, Johannes Thanheiser

Regie: Götz Spielmann

Kinostart: 12.02.09

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.