Originaltitel: L’HISTOIRE DE SOULEYMANE
F 2024, 92 min
Verleih: Film Kino Text
Genre: Drama
Darsteller: Abou Sangare, Nina Meurisse, Emmanuel Yovanie, Younoussa Diallo
Regie: Boris Lojkine
Kinostart: 19.02.26
Ach, Paris, Stadt der Liebe, kaum enden wollend besungen und gerade im Filmabbild voller Wohlfühl-Klischees! Souleymans Geschichte hingegen muß ohne allgegenwärtige Romantik, vom Sonnenlicht beschmeichelten Eiffelturm, verträumtes Glitzern der Seine oder musikumwölkte Cafés auskommen – da herrscht ein knallharter Umgangston.
Aus Guinea stammt der junge Mann und kam, wie so viele andere, eines besseren Lebens wegen nach Europa. Was indes recht offensichtlich mißlang, er schlägt sich unregistriert als Fahrradkurier durch, bringt Essen zu Menschen, die oft sehr hangry sind und auch sonst eher keinen Blick für ihn übrighätten. Den ganzen Tag auf Tour, Unfälle gehören dazu, eine gereizte Kundin mag anschließend die zerdrückte Tüte nicht annehmen, Türen knallen. Abends unbedingt den letzten Bus kriegen, um ins Obdachlosenheim zu gelangen, für Gemeinschaftsdusche und Massenschlafplatz. Noch kurz die kranke Mutter anrufen, einem schmierigen „Freund“ Wucherpreise für dessen „Hilfe“ zahlen. Nebenbei eine genehme Biographie auswendig lernen, die bei amtlicher Anhörung sicher seinen bewilligten Asylantrag garantieren soll. Und von vorn.
Daß Grau hier nicht wirklich zur Drehbuchfarbpalette gehört, in ziemlich strikter Trennung zwischen Schwarz und Weiß gependelt wird, erklärt das transportierte Anliegen und ist daher vertretbar. Ersatzweise hält kühles Blau her, reicht bis zur Kleidung und konterkariert das heimelige Lichtermeer nächtlicher Straßen – sowieso der einzige Wärmeschimmer inmitten dieses mit deutlich dokumentarischem Pinselstrich gezeichneten Dramas, dessen inszenatorische Schlenker gen Thriller gehen. Die Kamera klebt förmlich an Souleyman, sein stetes Rasen gleicht im Wortsinne halsbrecherischen Verfolgungsjagden, unablässige Hektik birgt immer spürbaren, massiven Druck, darin einige Verzweiflung, von allen Seiten zerrt’s an Körper und Seele. Ankerpunkte? Nun, selbst die zurückgelassene Freundin spricht vom Heiratsantrag einer guten Partie.
Und trotzdem entsteht nie der Eindruck effekthascherischer Überhöhung, blitzen manchmal gar Augenblicke hoffnungsvollen Durchatmens auf. Führen zum Finale, welches jeden verfügbaren Daumen dafür drücken läßt, daß Souleyman wenigstens erst mal die Behörenhürde überwindet. Echte Anteilnahme als Verdienst großartigen Erzählens und aus eigener Erfahrung geschöpften Darstellens.
[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...