D 2025, 111 min
FSK 0
Verleih: Weltkino

Genre: Dokumentation

Regie: Paul Smaczny

Kinostart: 05.02.26

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Triegel trifft Cranach

Ab durch die Mitte

Einen Farbtopf auskippen und den Matsch gegen Geld ausstellen?! Solche Frechheiten fallen Michael Triegel im Traum nicht ein! Der Meister kleckst nicht, er klotzt: mit Virtuosität und gelehrten Aneignungen der abendländischen Bildproduktion vergangener Epochen. Unter dem Label „Neue Leipziger Schule“ gehandelt, klingt Triegels Stimme aus dem Chor der subsumierten Solisten heraus, theologisch erhöht. Dieser Hochklang schmeichelt nicht nur dem unter Rechtfertigungsdruck stehenden Klerus unserer Tage – Papst Benedikt XVI. ließ sich 2010 von ihm malen. Der hohe Ton fasziniert auch den auf Musikalisches spezialisierten Dokumentarfilmporträtisten Paul Smaczny.

„Malen im Widerstreit der Zeiten“ – so hoch tönt der Nebentitel von Smacznys Verbeugung vor Triegels Wirken. Maßgebliches Schaustück ist des Künstlers Auftragsarbeit für den Dom zu Naumburg. Dort wünscht man sich eine „rezente Vervollständigung“ des von Bilderfeinden 1541 bis auf die Seitenflügel zerstörten Altaraufsatzes von Lucas Cranach d.Ä. Es gilt also, den verwaisten Cranach-Schwingen eine neue (geistige) Mitte zu erfinden. Ab 2020 bis zur Fertigstellung von Mitteltafel und Predella 2022 begleitet das Filmteam Triegel bei Naumburger Ortsbegehungen und ins Atelier in der Leipziger Baumwollspinnerei. Schicht um Schicht legt er eine „Sacra Conversazione“ mit Maria, Kind, Kegel und Blattgold über das profane Nichts – und schneidet, randlos, Eigenes hinein: Ehefrau, Tochter, einen Rabbi, den NS-Widerstandskämpfer Bonhoeffer.

Gelegentlich geht es mit Maler und Kamera nach Italien, wo – seit er frei reisen darf – Triegels Kunst- und Glaubenserfahrungen wachsen. Auch Smacznys Film über den bekennenden Katholiken mit DDR-Sozialisationshintergrund wächst – freilich zunächst ein bißchen schief entlang an merkwürdigen Begegnungen mit „Volkes Stimme“, etwa in Gestalt eines schauspielerisch herausgeforderten Lebensmittelhändlers. Dann aber wächst er in die Tiefe.

Über dem Triegel-Cranach-Altar zog sich nämlich während der Dreharbeiten ein Bildersturm denkmalpolitischer Art zusammen: Die UNESCO-Welterbe-Kommission debattierte mit den Naumburgern plötzlich noch einmal gründlich über (liturgische) Mitte, Maß und Muß – und verleiht, absichtslos, Smacznys hingebungsvoller Eloge kulturphilosophisch schillernde allegorische Flügel.

[ Sylvia Görke ]

Triegel trifft Cranach ab heute im Kino in Leipzig