Originaltitel: FATHER MOTHER SISTER BROTHER
USA/Irland/F 2025, 111 min
FSK 12
Verleih: Weltkino
Genre: Tragikomödie
Darsteller: Adam Driver, Cate Blanchett, Charlotte Rampling, Vicky Krieps, Tom Waits
Regie: Jim Jarmusch
Kinostart: 26.02.26
Jim Jarmusch ist mit 72 Jahren noch einmal ein beachtlicher Sieg gelungen. Vergangenes Jahr gewann er den Goldenen Löwen in Venedig. Dabei ist FATHER MOTHER SISTER BROTHER einer seiner vielleicht unscheinbarsten, zugleich aber auch zugänglichsten Filme. Das Label „Alterswerk“, das man oft mit einem etwas abschätzigen Blick auf künstlerische Arbeiten packt, wird ihm nur bedingt gerecht. Jarmuschs Episodenfilm über die komplizierten Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern ist hinreißend charmantes Dialogkino, das selbst Verächter des Autorenfilmers begeistern könnte. Es ist klein, fast minimalistisch in seinen Anordnungen gehalten, zeugt aber von großer Präzision, mit der es seine Charaktere skizziert und über die Montage in einen (verwehrten) Dialog treten läßt.
Jarmusch hat seine Tragikomödie in drei Teile geteilt und dafür eine Schar prominenter Namen zusammengetrommelt. In allen drei Episoden geht es um Wiederbegegnungen, die Schlaglichter auf ein ganzes Leben und gestörte familiäre Gefüge werfen. In „Father“, dem ersten Kapitel, besuchen zwei Geschwister ihren Vater in der winterlichen Abgeschiedenheit. Idyllisch, aber einsam lebt er dort. Ein Wunder, daß er überhaupt für sich sorgen kann, oder ist der ältere, gebrechliche Herr doch nicht der, der er vorgibt zu sein?
In der zweiten Episode „Mother“ sind zwei Schwestern bei ihrer strengen Mutter zum Kaffeetrinken eingeladen, und nun sitzen sie an der penibel dekorierten und gedeckten Tafel und wissen nicht, was sie einander erzählen sollen. Was traut man sich überhaupt preiszugeben? Alle zählen regelrecht die Sekunden, bis es endlich wieder zur Abreise kommt. Jarmusch zwingt sein Publikum immer wieder, die angespannte Stille und Sprachlosigkeit, die leeren Förmlichkeiten auszuhalten. Aber sein Film entfaltet darin auch Komik. Spätestens im zweiten Teil mit den drei Frauenfiguren zeigt sich das humoristische Talent dieses Regisseurs, wenn sich so langsam seine strukturgebenden Running Gags zu erkennen geben. Dazu gehört etwa das gegenseitige Wiedererkennen in der Wahl der Kleiderfarben.
Sein Film handelt von Erwachsenen, die noch Kinder sind und denen die Erziehung, eine Scham und frühere Konflikte tief in den Knochen und im Körperbewußtsein stecken. Zu Hause kommt es zur Regression in die Vergangenheit. Alle Versuche, eine Distanz und einen abgebrühten Blick zu wahren, führen nur in die Starre zwischen den Generationen, die nicht mehr zueinander durchdringen können – warum auch immer. Und dann folgt die Trauer in der dritten Episode „Sister Brother“, in der die Zwillinge die leere Pariser Wohnung ihrer verstorbenen Eltern besuchen, um über das Gestern nachzudenken. Zu Lebzeiten sind die Beziehungen zu den Eltern eine Qual, doch sind sie erst gekappt, verwandelt sich die Qual in eine andere.
Und in diesem Rahmen entfaltet Jarmusch etwas Sinnbildliches und Weitreichendes, das über das ohnehin brillant geschriebene und inszenierte Familien-Kleinklein hinauswächst. Dann, wenn sein Film von einem materiellen und geistigen Erbe erzählt, einem symbolträchtigen Gerümpelhaufen, den Menschen ihrer Nachwelt hinterlassen und der mühsam durchforstet oder aber weggesperrt werden muß, um eine Zukunft errichten zu können.
[ Janick Nolting ]