Nehmen wir an, Sie hätten die Möglichkeit, wahren Schauspielgrößen geballt beim Ausüben ihrer hohen Kunst zuzuschauen. Lassen wir direkt mal ein paar Namen fallen: Isabelle Huppert, Fabrice Luchini, Chiara Mastroianni, Virginie Efira, Karin Viard, Vincent Lindon, Tahar Rahim, Benjamin Lavernhe, Léa Drucker, Adèle Exarchopoulos, Vincent Cassel, Catherine Deneuve. Würden Sie’s tun? Ja? Richtig entschieden – und nix wie hin zu den diesjährigen Französischen Filmtagen.
Dort besetzt junges Kino gleichberechtigten Platz neben einer Marguerite Duras gewidmeten Retrospektive oder gibt’s den thematischen „Fokus Kongo“ plus eine Werkschau, in deren Zentrum Lukas Dhont steht, Regisseur von GIRL und CLOSE. Hinzu kommt sein neues Werk COWARD, die in Cannes prämierte Geschichte schwuler Liebe im Ersten Weltkrieg. Überhaupt, die Premieren! Unter ihnen Filme (bisher) ohne deutschen Verleih, sie sind folglich eventuell danach nie mehr auf Leipzigs Leinwänden zu sichten. Konkret betrifft das A GIRL’S STORY, Adaption der Memoiren von Annie Ernaux, französische Schriftstellerin, dazu noch A WOMAN’S LIFE, in dem Chirurgin Gabrielle sich mit der Frage konfrontiert sieht, ob sie tatsächlich so leben möchte wie gehabt, und ANOTHER DAY im QueerBlick. Nähere Infos hält hier der Ticker parat.
Über echte Publikumslieblingsqualität verfügt laut Hannah Süss, Theaterleiterin der Passage Kinos, besonders NUR GETRÄUMT. Wenig Wunder, nahmen doch die ZIEMLICH BESTE FREUNDE-Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano auf dem Regiestuhl Platz, um die Coming-Of-Age-Story von Vincent zu erzählen. Mit 13 hat er allerhand Träume, aber auch Schwierigkeiten dabei, seinen eigenen Platz zu finden. Ebenfalls gesteigertes Interesse wecken sollten LES MISÉRABLES in stargespickter Neuverfilmung, mit TAGEBUCH EINER KAMMERZOFE die moderne Übertragung eines zweiten Romanklassikers sowie DIE KLEINEN LEKTIONEN DER LIEBE: Lehrer Émile muß angesichts der Trümmer seiner langjährigen Ehe völlig neu beginnen. Quasi ein Kinoikonen-Gipfeltreffen feiert hingegen PARALLELE LEBEN und beobachtet (inklusive loser Anleihen bei Krzysztof Kie?lowski) Autorin Sylvie, schreibblockiert und eher ungewöhnlich dagegen ankämpfend. Ein finaler Tip betrifft COMÉDIE FRANCAISE rund um die – man muß das so schreiben – wirklich saukomisch entgleisende Premiere des „Macbeth“ am titelgebenden Haus.
Entsprechende Erhebungen attestierten dem vergangenen Jahr Zuschauerrekordzahlen; wir drücken nun alle verfügbaren Daumen für identische Besucherströme. Mindestens!
[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...