Originaltitel: CHOPIN, CHOPIN!
F/Polen 2025, 133 min
Verleih: Neue Visionen
Genre: Drama, Biographie, Musik
Darsteller: Eryk Kulm, Joséphine de La Baume, Victor Meutelet, Lambert Wilson
Regie: Michal Kwiecinski
Kinostart: 22.10.26
Liest man einen biographischen Artikel über Frédéric Chopin, werden darin hoffentlich seine Interpretationen erwähnt, die außergewöhnlichen kompositorischen Neuerungen. Ganz sicher jedoch steht dort ein Satz à la: „Sein Leben war geprägt von Krankheit.“ Ergo das Knüllerthema auf öden Parties, Zentrum nachbarschaftlichen Smalltalks, bestens geeignet für eine Verfilmung! Und wenn man dann mit Eryk Kulm noch einen wahrhaft idealen Hauptdarsteller findet, dessen unbestreitbares mimisches Talent sich fast einer irgendwie grundversehrt wirkenden Physiognomie unterordnet, ist alles klar. Scheinbar zumindest.
Tatsächlich fischt Regisseur Micha? Kwieci?ski tief in fauliger Fülle, die Zeiten sind seuchengebeutelt hart, Leichenstapel allerorts, Sterbende erflehen Wasser, Chopin selbst vegetiert auf Mallorca bei Dauerregen in einem verlassenen Kloster, nachdem er, obgleich von ihm keine Infektionsgefahr ausgeht, verstoßen wurde. An seiner Seite die auf Konventionen pfeifende Schriftstellerin Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil alias George Sand, aber jene Verbindung ist zum Scheitern verurteilt, Chopin vermag eben allein die Musik zu lieben.
Worin ihm Kwieci?ski folgt und immer über reines Wiedergeben hinausreichende Akzente setzt. Zu Beginn ruft die Königin der Nacht wutschnaubend Rachegötter herbei, später lauscht Chopin der – so makellos wie markerschütternd interpretierten – „Lacrimosa“ aus Mozarts Requiem, das er sich letztlich für seine Beerdigung wünschte. Und der „Mephisto-Walzer“ des Kumpels Franz Liszt ringt ihm bloß Spott ab. Da sagt ein freundschaftlicher Nadelstich mehr als Expertenanalysen.
Flankierenden Spielfiguren ähnelnd, in eine anfangs vielleicht etwas irritierende, indes Sinn ergebende lose Kapitelstruktur gesetzt, kommen Menschen und verschwinden, darunter Chopins Mutter mit dem sorgenvoll-entschlossenen Blick oder König Ludwig Philipp I. als verkörperlichte Zerrissenheit des Komponisten zwischen Frankreich und Polen. Und apropos: Wo’s reibt, sprühen bekanntlich Funken. Deren Flug Kwieci?ski meisterlich gelingt, Chopins physisches Leid bildet irgendwann nicht mehr den Fokus, sondern lediglich die Klammer für eine hochkomplexe emotionale Studie, welche wohl zwangsläufig diesen Blick, dieses Lächeln, diese bittersüße Ironie als Schlußpunkt setzen muß.
[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...