Originaltitel: WILD HORSE NINE
USA/GB 2026, 118 min
Verleih: Disney
Genre: Tragikomödie, Polit
Darsteller: Sam Rockwell, John Malkovich, Steve Buscemi, Tom Waits, Parker Posey
Regie: Martin McDonagh
Kinostart: 12.11.26
Schade, daß nicht viel mehr Filme auf der Osterinsel spielen! WILD HORSE NINE zeigt doch, was für ein faszinierender Schauplatz dieses Stück Land sein kann mit seinen schroffen Landschaftsbühnen, Orten, an denen der Mensch im Gras völlig verloren erscheint. Dazu diese berühmten, mythischen Statuen. Moai heißen sie. Die korrekte sprachliche Bezeichnung ist ganz wichtig in diesem Film. Ein Running Gag unter vielen. Und einige der schönsten Momente in WILD HORSE NINE ergeben sich gerade dann, wenn Figuren allein in der Naturkulisse sind und sich plötzlich ihrer eigenen Fremdheit bewußt werden, der man unter anderem mit dem aberwitzigen Versuch einer Autobiographie beizukommen versucht. Aber wo fängt man beim Schreiben und Erzählen überhaupt an? Vielleicht ja in grauer Vorzeit bei den Dinosauriern?
Martin McDonagh, der vielfach OSCAR-nominierte Autorenfilmer, verpflanzt in seinem neuen Werk zwei üble Typen auf besagte Osterinsel. In Anlehnung an seinen Kultfilm BRÜGGE SEHEN … UND STERBEN? hat er eine weitere Schuld-und-Sühne-Geschichte über zwei zwielichtige und gefährliche Männer vor unscheinbar-öder Kulisse gedreht. Diesmal stehen zwei CIA-Agenten im Mittelpunkt, gespielt von John Malkovich und Sam Rockwell. Es sind die frühen 70er-Jahre. Der Militärputsch in Chile steht kurz bevor. Die Aufbruchstimmung der Allende-Präsidentschaft ist längst in Untergangsstimmung gekippt, wenngleich viele noch nichts davon ahnen. Aber McDonaghs Agenten, die im Geheimen die Geschicke lenken, wissen bereits um die drohende Gewalt. Und gerade der Ältere von ihnen, Chris heißt er, macht sich gar nichts daraus, etwa zwei jüngere Frauen, die nicht mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden können, offen damit zu konfrontieren.
WILD HORSE NINE kreiert damit eine ganz eigentümliche Erzählsituation zwischen dem historisch Vergangenen und dem Kommenden, dessen Politik zu einer Art Schicksalslogik stilisiert wird. Die Figuren stimmen darin ihren eigenen Abgesang an. Und doch ist McDonaghs neuer Film kein historisches Panorama in erster Linie, sondern, wie man es von ihm kennt, ein bitterböses und schwarzhumoriges Charakterstück über Menschen, die anderen schlimme Dinge antun, die mit der Brutalität der Welt zurechtkommen müssen und dabei ausgiebig über ihr Dasein philosophieren.
Dieses Mal taugt das vor allem zur großen darstellerischen Show für John Malkovich, der mit einem Mix aus Zynismus, Altersweisheit und -müdigkeit zu einigen letzten Schlägen ausholt. Er nimmt kein Blatt mehr vor den Mund. Chris ist krank, will auf der Insel sterben. Sein Partner soll ihn erschießen, damit er nicht in die Hölle kommt. Der CIA wird er mit seinen Plaudereien indes zur Gefahr. Wem kann der ältere Herr, der bei weitem nicht so wehrlos und gebrechlich ist, wie er anfangs anmutet, überhaupt noch trauen? McDonagh ist schließlich erneut gut darin, Zwietracht zwischen seinen Charakteren zu säen. Seine Tragikomödie wird damit auch zu einem Paranoia-Film, in dem Intrigen gesponnen und Verschwörungen geplant werden, Attentäter und Spione ihr Unwesen treiben und geheime Identitäten an der Tagesordnung stehen. Das ist nicht nur spannend erzählt, sondern lebt einmal mehr von der Gleichzeitigkeit von Spaß und Entsetzen.
WILD HORSE NINE besitzt lange Zeit gar nicht viel Handlung. Er lebt aber von all den Reibereien zwischen den Männern und ihrem touristischen Umfeld sowie der Situationskomik, die sich dabei einstellt. Ja, ein Stück weit haben sich die gewohnten McDonagh-Formeln abgenutzt. Zumal seine Geschmacklosigkeiten in den schlagfertigen Dialogen inzwischen etwas selbstzweckhaft anmuten, ohne einen echten doppelten Boden zu besitzen.
Und doch fällt es schwer, sich von diesen absonderlichen, abgewrackten Ganovenfiguren zu lösen. Gerade weil die finale Zuspitzung dann so mitreißend gelingt, wenn sich all die angestaute Gewalt entlädt. McDonagh gräbt auch hier nach einem humanistischen, vielleicht sogar versöhnlichen Kern. Wenn die letzten Gemeinheiten verteilt sind, sitzt die Traurigkeit umso tiefer angesichts dessen, was vielleicht hätte sein können. Und wenn das nur die vorgetragene Selbstnotiz meint, die Gegenwart und Geselligkeit der Pferde dem Morden vorzuziehen.
[ Janick Nolting ]