D 2026, 112 min
FSK 12
Verleih: Wild Bunch
Genre: Tragikomödie, Science Fiction
Darsteller: Angela Winkler, Laura Tonke, Josef Ellers, Via Jikeli, Eugene Boateng
Regie: Doris Dörrie
Kinostart: 01.10.26
„Pflegekrise!“ hallt es durch den Medienwald in regelmäßigen Abständen. Die hohe Zahl pflegebedürftiger Menschen überfordert unser Sozialsystem. Die Regisseurin Doris Dörrie denkt die aktuelle Debatte konsequent weiter. In der von ihr erdachten nahen Zukunft lösen humanoide Roboter das Pflegeproblem. Sie werden sogar von der Krankenkasse finanziert.
Auch Frau Winkler bekommt nach einem Sturz so einen Technikkameraden zur Seite gestellt, der die häusliche Pflege übernimmt. Ihre Tochter Emi hat nach einer langen beruflichen Durststrecke endlich ein Theaterengagement in Lübeck bekommen, da kann sie sich nicht ständig bei ihrer Mutter in Hamburg präsent sein. Emi, die dauermüde, alleinerziehende Mutter einer halbwüchsigen Tochter, ist zerrissen zwischen den Ansprüchen ihres Berufes und denen ihrer Familie. Egal für welche Seite sie sich entscheidet, sie wird keiner wirklich gerecht und droht darüber selbst auf der Strecke zu bleiben. Ihre Mutter hingegen hat nur bedingt Verständnis für die Nöte der Tochter. Sie ist eine stolze Frau, die was auf sich hält. Schließlich war sie früher auch Schauspielerin. Doch aus der Trauer über den frühen Tod ihres Mannes Bruno hat sie nie so richtig herausgefunden.
Dörrie beweist ein sehr gutes Gespür für die Inszenierung dieser komplexen Mutter-Tochter-Beziehung, die von einer Mischung aus Liebe, Schuldgefühl und Wut geprägt ist. Geschickt verschränkt FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS verschiedene Zeit- und Handlungsebenen. Die Vergangenheit lebt in Rückblenden immer wieder auf. Verbindendes Element ist Tschechows Stück „Drei Schwestern“, das sowohl für Emi als auch für ihre Mutter eine große persönliche Bedeutung hat. Als Frau Winkler feststellt, daß ihr Pflegeroboter die Werke des russischen Dramatikers rezitieren kann, gibt sie ihre zunächst ablehnende Haltung gegenüber der Maschine auf. Sie nennt ihn kurzerhand Pawlowitsch und beginnt wieder zu spielen. In ihr Heimtheater integriert sie selbst die junge Angestellte des Pflegedienstes.
In dieser von Effizienz geprägten Zeit wirkt das Theaterspielen wie ein Anachronismus. Dörrie malt eine Zukunft aus, die nicht so abwegig scheint. Schon heute gibt es Versuche mit KI-gestützten Robotern in Altenheimen, denen die Geduld für ihre Pfleglinge niemals ausgeht. Und daß zukünftig Menschen einen digitalen Kummerkasten in Form eines leuchtenden Steines um den Hals tragen, erscheint wie eine logische Fortsetzung von ChatGPT. Umso erstaunlicher ist, wie aktuell Tschechows Texte in diesem Setting wirken. Die inneren Nöte der Menschen verändern sich nicht, auch wenn sich die äußeren Umstände sehr gewandelt haben. Im Spiel mit Tschechows Worten findet Frau Winkler wieder zu sich, es sind Momente, die befreit sind von der puren Notwendigkeit.
Doch der Robotermann Pawlowitsch ist mehr als Betreuungsperson und Zeitvertreib, er soll ihr Leben auch beenden, wenn sie es wünscht oder selbst nicht mehr kann. Das umstrittene Thema Sterbehilfe rückt neben all den anderen Erzählsträngen etwas zur Seite. Der Film nimmt dabei Bezug auf die japanische Legende von Narayama, nach der die Alten auf einen Berg getragen wurden, um zu sterben, damit sie der Gemeinschaft nicht zur Last fallen. Wie viele alte Leute will Frau Winkler niemandem zur Belastung werden und schwankt häufig zwischen Aufgeben und Weitermachen.
Die große Theater- und Filmschauspielerin Angela Winkler macht sich die widerspenstige Frau Winkler ganz und gar zu eigen. Die Namensgleichheit zwischen Hauptfigur und Darstellerin ist kein Zufall: Die Rolle wurde ihr von Dörrie auf den Leib geschrieben. Ihre uneitle Darstellung changiert zwischen Biestigkeit, Trauer, Verzweiflung und neu aufglimmender Lebensfreude. Sie läßt uns die Grausamkeit des Alters fühlen, aber auch die seltener werdenden Momente des Glücks. Im Ensemble findet sie mit Laura Tonke, Josef Ellers und Neuentdeckung Via Jikeli Mitspieler auf Augenhöhe.
Dörries wunderbar in Szene gesetztes Werk berührt tief, eben weil es keine perfekte Lösung fürs Alter präsentiert, sondern all die Ambivalenzen zeigt, die damit einhergehen. Diese Widersprüche werden in Balance gehalten von einem fein austarierten Humor. So viel Lebensweisheit findet man tatsächlich selten im Kino.
[ Dörthe Gromes ]
Passage Kinos: 16:00
Passage Kinos: 16:00
Regina Palast: 15:00
Cineplex: CineArt 11:00
Passage Kinos: 16:00
Passage Kinos: 16:00
Regina Palast: 15:00
Cineplex: CineArt 17:00, 19:45
Kinobar Prager Frühling: 16:00
Regina Palast: 15:00
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