D 2026, 108 min
Verleih: X Verleih

Genre: Komödie

Darsteller: Katharina Thalbach, Bardo Böhlefeld, Ulrike Kriener, Roland Zehrfeld, Rainer Bock, Noah Saavedra

Regie: Helena Hufnagel

Kinostart: 19.11.26

Lieblingsmenschen

Frau Jeschke verläßt das Haus

Und wieder sitzt das echte Leben am längeren Hebel. LIEBLINGSMENSCHEN wäre völlig ausgedacht wohl ein etwas hanebüchenes und wunschdenkendes Konstrukt zeitgenössischer Gefühligkeit. Helena Hufnagels in weiten Teilen trotzdem fiktionaler Film ist von „einer wahren Freundschaft“ inspiriert, die ihresgleichen sucht. Eine 101jährige Seniorin hatte in einem iranischen Endzwanziger einen WG-Partner für ihre viel zu große Wohnung in Berlin gefunden, in der sie seit 63 Jahren lebte. ZDF und arte berichteten freudig erregt.

Jetzt im Kino wollen weder die selbsternannte „Heimnotwendigkeitsbescheinigungsablehnerin“ Agnes Jeschke noch der geflohene Amir Faharani abgeschoben werden. Dieser Wunsch vereint beide in Geist und wuchsfreudiger Nähe. Agnes hatte mal zwei Männer, blieb aber kinderlos. Dafür hätte sie 1942 fast einen renommierten Tanzwettbewerb gewonnen. Amir wird zu spüren bekommen, was das Tanzen noch heute für die Rentnerin bedeutet, trotz auffallend kurzem Atem und schwerem Gang. Bis dahin wird sie ihre Mahlzeiten aus der Lieferbox gegen frisch Exotisches tauschen dürfen, Amir einen Läusekamm besorgen, sich nochmals mit der Freundin und einstigen Beziehungskonkurrentin Charlotte duellieren, vor allem wird sie, so hoch an Tagen, einen Menschen haben, dem sie ihre so barsche wie liebenswürdige, so witzige und schlagfertige wie melancholische Art schenken darf.

Doris Dörries Frau Winkler bekam kürzlich nur einen humanoiden Pflegeroboter als Sparringspartner, Frau Jeschke darf mit Amir das Haus verlassen. Oder bleiben und von ihm den 102. Geburtstag ausgerichtet bekommen, mit Rock’n’Rollator, Schnaps, der halben Hausgemeinschaft, einer exklusiven Filmvorführung mit ihr selbst in der Hauptrolle. Nichts ist per se schlecht an hundertprozentig auch größerem Publikum zugewandten Filmen! LIEBLINGSMENSCHEN hat es im Blick, in der Tonalität, in der Optik, der Musik und den Charakteren. Geht es ohne Schablonen? Freilich nicht! Aber diesen 100 Minuten wohnt eine wohlige Wärme inne, die das Lächeln nährt und friedfertig macht. Wirklich fein austarierte Szenen zwischen Agnes und Amir gibt es ja zuhauf. Katharina Thalbach – mit irrsinnig guter Maske – und Bardo Böhlefeld – mit geschickter Balance aus Wort und Gesten – sind eh ein wunderbares Paar.

Das echte Leben am längeren Hebel beschied Agnes und Amir insgesamt übrigens drei gemeinsame Jahre.

[ Andreas Körner ]