D 2026, 108 min
FSK 12
Verleih: Leonine

Genre: Science Fiction, Thriller, Literaturverfilmung

Darsteller: Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Christian Friedel

Regie: Lena Stahl

Kinostart: 01.10.26

Corpus Delicti

Zurück zum Zweifel

Die Kinder spielen Erkältung. Ein harmloser Spaß, zugleich ein Fingerzeig auf das Tabu in der Welt dieses Films. CORPUS DELICTI ist die Adaption von Juli Zehs gleichnamiger Dystopie aus dem Jahr 2009, in der ein totalitärer Überwachungsstaat errichtet wurde. Gesundheit und Sicherheit sind zur obersten Bürgerpflicht geworden. Alles ist mit KI automatisiert. Menschen werden rund um die Uhr gescannt, und der Genre-Mix, der dabei entsteht, ist durchaus spannend geglückt. Die Zukunftsvision der Gesundheitsdiktatur wird zur Bühne für einen Krimi, Thriller und Gerichtsfilm. Die Neurologin Mia, gespielt von Hannah Herzsprung, gerät ins Visier der Methode. So heißt das System, dem sich alle fügen, und das sich selbst für unfehlbar hält. Als ihr Bruder, ein Rebell und Methoden-Gegner, des Mordes verdächtigt wird, wittert Mia ein Komplott und beginnt selbst, ihre Anpassung und Rolle in der Gesellschaft zu überdenken.

Lena Stahl inszeniert diese Geschichte in wuchtigen, bedrohlich öden Räumen. Ihr Ensemble spielt in brutalistischen Hallen, vor glatten, sterilen Kulissen und halbdurchsichtigen Wänden, die die Illusion des Rückzugs und des Privaten immer schon in Zweifel ziehen. Und das birgt starke Szenen, etwa wenn Mia entkräftet und gewaltsam versucht, die künstliche Intelligenz wie einen Dämon oder ein Gespenst aus ihrer Wohnung zu treiben. Ihre Widerstandsgeschichte formt den Rahmen für ein Plädoyer für das Zweifeln und Hinterfragen des vermeintlich Alternativlosen, das sich leider etwas zu sehr auf die behauptete Zeitlosigkeit der Vorlage verläßt, ohne deren Stoff noch einmal weiterzudenken.

Mit Blick auf die komplizierten und ganz konkreten Diskurse der Corona-Jahre, inwiefern persönliche Freiheiten für das Wohl anderer eingeschränkt werden dürfen, um ein System zu erhalten, welche wirtschaftlichen Interessen verteidigt werden und welche nicht, was Gesundheit und Leistungsfähigkeit heute für ein Subjektverständnis überhaupt bedeuten, gibt der Film tatsächlich wenig neue Impulse. Gerade weil er eine ökonomische Ebene fast völlig ausblendet. Seine liberale Idee ist eine floskelhafte für alle. CORPUS DELICTI formuliert somit Staats- und Ideologiekritik im luftleeren Raum, voll von Schlagworten und naheliegenden Beobachtungen, die dennoch seltsam distanziert bleiben.

[ Janick Nolting ]