Originaltitel: GODZILLA MINUS ZERO

J 2026, 135 min
FSK 16
Verleih: Plaion

Genre: Action, Fantasy, Drama

Darsteller: Ryunosuke Kamiki, Minami Hamabe, Min Tanaka

Regie: Takashi Yamazaki

Kinostart: 05.11.26

Godzilla Minus Zero

Der Preis der Verteidigung

Alte Wunden werden ein weiteres Mal aufgerissen. Was in Hollywood hauptsächlich als seelenloses Spektakel-Kino ausgeschlachtet wird, besitzt in der japanischen Popkultur ein ganz anderes Gewicht, eine viel bedeutsamere Tragweite. Dort ist und bleibt Godzilla ein Inbegriff des Traumas des Zweiten Weltkriegs, zuvorderst der Atomangriffe auf Hiroshima und Nagasaki.

Und GODZILLA MINUS ZERO setzt sich erneut mit erstaunlicher Komplexität und emotionaler Zerrissenheit mit diesem historischen Vermächtnis auseinander. Dabei sind vor allem jene Momente spannend, in denen Erinnerungen und Bilder der Bombenabwürfe und ihrer Folgen mit deren fiktionaler Übersetzung in ein Kaij?-Kino in Dialog treten. Eindrücke der verbrannten und deformierten Körper werden nachgeformt und finden zugleich Entsprechungen in einer Infektion mit Godzilla-Zellen. Die Angriffe und Kämpfe der Riesenechse aus dem traditionsreichen Filmuniversum werden hier auch mit einem menschlichen Body Horror in Verbindung gebracht. Einige Figuren aus dem Vorgänger GODZILLA MINUS ONE werden derweil in eine Geschichte über eine doppelte Heimsuchung verwickelt. Das ist, wie so oft in der Reihe, die des Krieges und die eines verwehrten Wiederaufbaus und Vergessens.

Wenige Jahre nach dem Ende von Weltkrieg II taucht ein neues Monster als Repräsentant und Wiedergänger der Gewalt und Zerstörung auf. Der Drache Ghidorah legt ganze Städte in Schutt und Asche. Gleich zu Beginn hastet die Kamera durch ein Inferno. Eine Bombe soll nun zur Verteidigung eingesetzt werden. Oder gibt es doch einen anderen Weg? Was, wenn der Plan scheitert? Alsbald blickt man in Richtung Godzilla, den man besiegt wähnte, aber der selbstverständlich wieder aus den Fluten steigen wird. Kann er eine Waffe sein, um den Drachen zu besiegen, oder richtet man mit dieser Kalkulation nur noch weiteren Schaden an?

Der Stoff ist somit altbekannt und klassisch, aber GODZILLA MINUS ZERO entwickelt aus ihm ein brisantes Drama über das Verhältnis von Gegenwehr und Rache und die Frage nach angemessenen Mitteln der Gewalt. Das hallt auf gespenstische Weise in all den realen Kriegs- und Wehrdiskursen der Gegenwart wider, was das zeitlose Potential dieser Filmreihe nur erneut unter Beweis stellt. Die eigentliche Action ist dabei fast zweitrangig. Sicherlich zur Enttäuschung mancher Fans, aber die wenigen betreffenden Sequenzen sind dafür umso aufregender geglückt. Wenn sich der Blitze spuckende Ghidorah und Flugzeuge ein Ballett am Himmel liefern, wenn die Riesenbestien in Ruinen aufeinander losgehen, reichen sich Bombast und Horror die Hände. Auch akustisch, wenn der Film auf bedrohlich schrille, sägende Streicherklänge setzt.

GODZILLA MINUS ZERO ist Attraktionskino, das auf sensationell schaurige Weise die Welt und Zivilisation aus den Angeln hebt, das Gebäude in die Luft erhebt und apokalyptisch wieder zu Boden regnen läßt. Das ist nicht frei von etwas zu dick aufgetragener Sentimentalität, besonders, wenn man Richtung Finale schaut. Ein fragwürdiger Opferkult schleicht sich ebenso wieder ein. Aber gerade in seiner Bewältigung und Aufarbeitung von Militarismus und kriegerischer Verheerung ist dieser Film seinem OSCAR-prämierten Vorgänger nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen.

[ Janick Nolting ]