Originaltitel: PRIMETIME
USA 2026, 110 min
Verleih: Leonine
Genre: Thriller
Darsteller: Robert Pattinson, Matthew Maher
Regie: Lance Oppenheim
Kinostart: 24.09.26
Hat die Fiktion allein an Spannung eingebüßt? Ist das bloße Spiel nicht ernst genug? Im Jahr 2006, in dem dieser Film spielt, wird längst die Realität als Entertainment entfesselt. Oder das, was man eben darunter verstehen will. Geschichten aus dem echten Leben mit echten Menschen und echten Abgründen sollen es sein, und der Erfolg der Dateline-NBC-Serie „To Catch A Predator“ scheint diesem Prinzip Recht zu geben. Also folgt die Beförderung in die Primetime. Jetzt will man es mit der Kultserie „Lost“ aufnehmen und sie vernichten. Nur: Für das angeblich Echte bedarf es durchaus einiger Inszenierung und Vorbereitung. Gleich zu Beginn sieht man Haut und Fleisch von Robert Pattinson in bedrohlich rot schimmernden Nahaufnahmen. Er murmelt sexuelle Phantasien vor sich hin, ehe er als Moderator Chris Hansen die Bühne der Aufnahme betritt, um sein nächstes Opfer zur Rechenschaft zu ziehen.
Es wird schnell klar: Die gesprochenen Texte stammen aus Chatverläufen, die Hansen hinter den Kulissen mantraartig aufsagt, um sein ahnungsloses Gegenüber damit zu konfrontieren. Pattinson schlüpft damit in die Rolle einer berüchtigten amerikanischen Medienpersönlichkeit. Hansens Reality-Show lockte Anfang der 2000er Männer, potentielle pädophile Sexualstraftäter, über Online-Chats und mit verkleideten Darstellern in die Falle, um sie vor laufenden Kameras bloßzustellen und der Polizei zu übergeben. Letztlich sorgte die Show vor allem für einen Eklat, als einer der beschuldigten Männer Selbstmord beging.
Nachdem sich schon der sehenswerte Dokumentarfilm PREDATORS mit Hansen und seinem Format befaßte, folgt jetzt also der Spielfilm zu diesem Thema. Ein Psychothriller. Was verrät aber die fiktionale Bearbeitung über den Fall? Was legt sie frei, was das Dokumentarische vielleicht nicht kann? Na ja, eigentlich gar nicht mal so viel. Im Grunde verengt der Film sogar eher den Blick, anstatt ihn zu erweitern. Zumindest dann, wenn man entfernt mit den Hintergründen und der Show vertraut ist, wird man hier wenig Neues, Aufschlußreiches finden. Das Ansinnen von PRIMETIME ist vielmehr der nach innen gerichtete Blick, die Introspektion der Hauptfigur, die keine Zweifel an der kritischen Haltung des Films läßt.
Pattinson, der schon vor der Weltpremiere in Venedig als möglicher (und verdienter) OSCAR-Anwärter gehandelt wurde, spielt Hansen als Haßfigur und eiskalten Karrieristen. Mit Singsang-Stimme, bohrenden Blicken und überspielter Nervosität macht er andere gefügig, mundtot oder äfft sie nach. Für ihn zählen die Show, der Erfolg und die eigene Beförderung. Koste es, was es wolle. Der Medienbetrieb, den PRIMETIME vorführt, präsentiert sich so als bedrohlicher Moloch, der Menschen für die Quote frißt. Mit Gerechtigkeit und Kindeswohl hat das schnell nicht mehr viel zu tun. Stattdessen übernehmen Sensationslust, Ruhmsucht und konstruierte Stories das Ruder. Alles für das perfekte Spektakel und das Selbstwertgefühl. Als Hansen derweil selbst droht, Teil einer ausgeschlachteten Boulevard-Geschichte zu werden, verliert er immer mehr den Bezug zur Realität. Immer besessener sucht er nach dem ultimativen PR-Stunt, der schließlich in die reale Tragödie führt.
Regisseur Lance Oppenheim inszeniert diese Eskalation und Abwärtsspirale in digital rauschenden, schlierigen und fiebrig glühenden Aufnahmen. Ästhetisch ist sein Film zweifellos eigenwillig und faszinierend geglückt. Kameramann David Bolen entwirft düstere, farblich verfremdete und mit grellen Neon-Lichtspielen versehene Bildwelten. Eine Alptraumblase, in der man nicht mehr zwischen realer und medial geformter Wirklichkeit unterscheiden kann.
Und wenn der Nachwuchsschauspieler Dan etwa als Lockvogel ahnungslos den Splitscreens der Überwachungskameras ausgesetzt wird, um den Kopf für die nächste traumatische Situation hinzuhalten, sind das eindringliche Szenen. Sie scheitern nur daran, beide Erzählperspektiven zwischen den Figuren in einer Balance zu halten. Und sie ändern wenig daran, daß PRIMETIME in seinen Beobachtungen und Kritikpunkten so schnell auserzählt ist und sich im Verlauf so wenige Uneindeutigkeiten zugesteht, daß er sich hauptsächlich im ästhetischen Grusel verliert. Eine Prise Wahnsinn, die attestiert PRIMETIME seinem Protagonisten durchaus. Aber wer über knapp zwei Stunden Laufzeit so oft zu Kategorien des Wahn- und Irrsinns schielt und auf den immer gleichen, schlechten Charakterzügen herumreitet, läßt die größere Medienkritik im Hintergrund schnell zum repetitiven, monoton ausgespielten Effekt verkommen.
[ Janick Nolting ]