Originaltitel: BUTTERFLY

Norwegen/S/GB 2026, 116 min
Verleih: Port au Prince

Genre: Drama

Darsteller: Helene Bjørneby, Renate Reinsve

Regie: Itonje Søimer Guttormsen

Kinostart: 19.11.26

Butterfly

Versengte Flügel

Der vermutlich KI-generierte Flug eines imposanten Monarchfalters über die Bergmassive von Gran Canaria ist in seiner Künstlichkeit ein sehr passender Einstieg in diesen Film, denn diese pixelstarken glatten Bilder taugen als gut gewählter Anachronismus zur Unschärfe und Grobkörnigkeit dessen, was folgt. Außerdem steht der schöne Falter ohnehin für Transformation und Ahnenbrücke. Paßt!

Eine engelsgleiche Frauenfigur an der Seite eines wildhaarigen Mannes, Hippieaura, Zehensandalen, ein eigenwilliges Ritual und dann ein Unfall, Vera stirbt, Chato verschwindet. Diana und Lily erhalten die Nachricht vom Tod der Mutter, die beiden sehr verschiedenen Schwestern treffen auf der Insel ein, nach Jahren der Flucht aus einer dort verbrachten Kindheit und Jugend. Wobei „verbringen“ zu romantisch konnotiert wäre, sie lebten in einer All-Inclusive-Anlage, in der die Mutter arbeitete, trank und sich mit illustren Gästen einließ. Diana ist eher verhuscht und naiv, arbeitet als Kindergärtnerin, die jüngere Lily versteht sich als in allem sehr freie Künstlerin in einem ziemlich abgeranzten Hamburg, wozu Performances mit Riesenschwänzen und Urschreien gleichsam zu Bürgernicken und -schrecken taugen. Das Wiedersehen ist ungewuchtet – Diana geht auf Lily zu, umarmt sie, Lily ist abweisend, schmallippig, Herpes und Bronchitis setzen ihr außerdem zu. Bald begeben sie sich auf die geerbte Sternwarte, dem Refugium ihrer Mutter, das sie zum Ort für Sinneserfahrungen namens „Butterfly Retreat“ ausbaute ...

BUTTERFLY ist eine schmerzliche Geschichte über Vernachlässigung, späte blumenkindliche Egozentrik, den Zusammenknall von Trauer und Abscheu. Vera hat ihren Kindern die Lebensflügel versengt, das hat sie äußerlich hart und innerlich zerbrechlich werden lassen, Diana lebt mit einem Hund, Lily läßt Traumata zu Kunst werden, Diana leidet am Phantomhumpeln, Lily pfeift sich Drogen rein. Es gilt, sich unter kanarischer Sonne tiefen Verletzungen, Kränkungen und Vorwürfen zu stellen, der Film zeigt auf drastische und berührende Weise, wie schlafwandlerische Erziehung zu Hilflosigkeit und Wut, zu Übersprung und Lebensangst führen kann.

Vielleicht sind die filmischen Ausführungen manch’ Anrufungsrituals und Ahnentanzes zu raumgreifend geraten, aber dennoch ist Itonje Søimer Guttormsen ein herausfordernder, knochenehrlicher Film gelungen, der gesellschaftliche Konventionen hinterfragt und dabei zeigt, die schwer es sein kann, (s)einen Platz zu finden oder einfach nur eine Umarmung anzunehmen.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.