D 2026, 121 min
Verleih: StudioCanal
Genre: Drama, Literaturverfilmung
Darsteller: Lars Eidinger, Susanne Wolff, Martina Gedeck, Ulrich Matthes, Michael Maertens, Detlev Buck, David Bennent, Angela Winkler, Wiegand Witting
Regie: Volker Schlöndorff
Kinostart: 15.10.26
Unter den Regisseuren, die den Neuen (West-)Deutschen Film gegen die Fortträumereien des Wirtschaftswunderkinos durchzusetzen halfen, muß Volker Schlöndorff wohl als der pädagogisch wertvollste gelten. Zumindest schafften es seine größten Erfolge auf die Empfehlungslisten des deutschen Bildungsbetriebs.
Mit HEIMSUCHUNG nach Jenny Erpenbecks gleichnamigem Roman, inzwischen Pflichtlektüre für die Abiturstufe, begibt sich der heute 87jährige also wieder auf sein Spezialgebiet: Vermittlungsarbeit zwischen Text, Historie, Leinwand und Publikum. Das Drama ist in Erpenbecks Prosa bereits angelegt. Hauptrolle: das vorwärtstrampelnde 20. Jahrhundert. Gegenspieler: ein Landstück am „Märkischen Meer“ in Brandenburg, das sich stur an seinen Koordinaten festhält. Tragischer Held: ein Sommerhaus mit viel Stauraum und farbigen Türglasfliesen, das sich in den Boden krallt. Tragische Nebenfigur: ein Architekt und Mitglied der Reichskulturkammer, der das Haus für seine Gattin baut, um es modern und sauber zu haben.
Weitere tragische Nebenfiguren: Die entrechtete Baugrunderbin verschwindet im See, die jüdischen Nachbarn in der NS-Vernichtungsmaschine, die sowjetischen Besatzungssoldaten in der siegreichen Heimat, die einquartierte DDR-Schriftstellerin im biographischen Anhang zur Nationalgeschichte, die DDR im Fußnotenapparat zum Stichwort „Kalter Krieg.“ Nur das Haus, unser tragischer Held, hält sich tapfer. Bis die Umeignungsbürokratie der deutsch-deutschen Nachwendezeit zuschlägt.
Subjekte und Objekte, Haupt- und Nebensachen, Tote und Untote – im Buch kommen sie auf das Fruchtbarste durcheinander. Gerade das scheint Schlöndorffs Ordnungssinn zu wecken. Zwar weiß er, aus Erpenbecks Denkfiguren und Leitmotiven visuelles Kapital zu schlagen. Letztlich macht sich der Altmeister aber wohl vor allem Sorgen, man könne sich bei ihm weh tun oder sogar versäumen, richtig zu verstehen und zu fühlen. Also schleift er Erpenbecks scharfe Sprachkanten, füllt Kontextlücken mit dokumentarischen Ton- und Bildsignalen, illustriert mit Musik, noch mehr Musik und macht: wohltemperiertes Erzählkino mit Starensemble, Reminiszenzen an das eigene Œuvre und einem voraussichtlich langen Leben als „unterrichtsbegleitendes Material.“
[ Sylvia Görke ]