D 2026, 120 min
FSK 0
Verleih: Majestic

Genre: Dokumentation, Biographie

Regie: Jens Meurer

Kinostart: 29.10.26

Biermann

Beim Barte des Poeten!

1953 begab sich ein halbwüchsiger Proletariersohn aus kommunistisch-jüdischem Hause von Hamburg aus „nach drüben“, um am Sozialismus mitzubauen. Doch der Bursche verbrannte sich bald das Maul mit Schmähversen wider die Arroganz der Parteibonzen. 1976, nach elf Jahren Berufsverbot, ließen sie den Quälgeist mit der Gitarre zu einem Auftritt nach Köln reisen – und entzogen ihm in Abwesenheit „das Recht auf weiteren Aufenthalt“ in der DDR. „Vom Regen in die Jauche“, dichtete Wolf Biermann der Vertreibung aus dem Paradies seiner Jugendideale hinterher.

Im November 2026 feiert der Bursche seinen Neunzigsten. Daß sich fast auf den Tag genau auch der Rausschmiß zum 50. Mal jährt, daß das SED-Regime seinen Hofnarren damit versehentlich zur Lichtgestalt des eigenen Untergangs erhob, verleiht dem Doppeljubiläum historische Dimension. Zum Reigen der anrollenden erinnerungskulturellen One-Man-Offensive gehört auch das Kinoporträt von Jens Meurer – selbst wenn das Geburtstagskind, das manche BIERMANN-Vorführung als Vorredner begleitet, darauf besteht, mit dem Dokumentarwerk wenig zu tun zu haben. Wohl wissend, daß Ehefrau Pamela am Drehbuch mitschrieb. Da klingt sie an, die dialektische Stilfigur, mit der Biermann Widersprüche – die in der eigenen Persönlichkeit allemal – aufnimmt und in Schelmenworte von strategischer Demut kleidet.

Meurer legt einen Image- und Konzertfilm vor, der den Widerspruch als Biermannschen Markenkern herausarbeitet. Natürlich ist Bildmaterial aus Fernseh- und Stasi-Archiven im Einsatz. Selbstverständlich sprechen Zeitzeugen wie Armin Mueller-Stahl, der dem Freund den Beinamen „Sichtbarer Egomane“ verpaßt. Und wer wollte die Ausführungen zur Ideengeschichte des Biermann-Bartes oder zum Murxismus bei Sartre versäumen?! Dort, wo Meurer den Wundergreis in den Oasen seiner späten Jahre „erwischt“, bekommt die Eloge schließlich Wölflein-Zähne. Denn „sich in die Idylle verpissen“ ginge doch auf gar keinen Fall, schimpft der Poet. Hat Biermann das im Kopf, wenn er sich im Garten an der Ostseeküste im Bademantel von seiner Pamela das Haar schneiden läßt? Oder wenn er mit der nächsten, übernächsten politisch wachen Musikergeneration auf Bühnen steht? Wissen all die jungen (und spätjungen) Leute, ob ihre Courage für schlimm’re Zeiten reicht?

[ Sylvia Görke ]