Originaltitel: THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK
USA 2026, 88 min
Verleih: Sony
Genre: Drama, Thriller
Darsteller: John Turturro, Steve Buscemi, Jamie Lee Curtis, Giancarlo Esposito
Regie: Noah Segan
Kinostart: 19.11.26
Harry Lehman ist ein Genie der Fingerfertigkeit und ein Meister der Beobachtungsgabe, ein Seismograph des richtigen Moments. Man könnte auch sagen: Harry ist ein Künstler. Denn schaut man ihm dabei zu, wie er seiner Profession nachgeht, wirkt Harry wie ein Jazzmusiker, wie die Verkörperung jenes Credos, das da sagt: Beherrschst Du Dein Instrumentarium, beherrschst Du Dein Handwerk. Und ist das der Fall, ist Improvisation nicht nur kein Problem mehr, sondern die Vervollkommnung des Handwerks hin zur Kunstform.
Harry ist Taschendieb. Und das in New York, also einer Stadt, die ob ihrer Überfülle an Sinneseindrücken, ob ihrer Energie, ihres Gedrängels und Tempos, ob ihrer ruppigen Art ein Paradies für Taschendiebe ist. Oder war. Denn das Problem für einen wie Harry ist, daß heutzutage kaum noch jemand groß Bargeld oder auch teure Armbanduhren mit sich trägt. Handies oder Kreditkarten sind nur bedingt eine Alternative, können die doch schnell getrackt oder gesperrt werden. Und dann ist da ja auch noch dieser verdammte USB-Stick, den Harry gerade einem affig auftrumpfenden Rich Kid entwendet hat. Eher versehentlich (was will man schon mit einem Stick?), samt der Sporttasche des Kerls, in der sich dann prompt auch noch eine Knarre befindet. Als alter Hase weiß Harry sofort: Das bedeutet Ärger. Und das umso mehr, als sich der beklaute Jungschnösel recht schnell als Sprößling einer New Yorker Mafia-Familie entpuppt.
Womit der Thriller-Strang in THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK sehr effizient angeschlagen wäre. Und in Folge auch straff gespannt bleibt, in diesen prägnanten 88 Minuten, die Drehbuchautor und Regisseur Noah Segan braucht, um diese Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die dann aber dennoch weit weniger ein Krimi ist (auch wenn der nie aus den Augen verloren wird), sondern sich vor allem als eine Porträt- und Milieustudie entpuppt. Und darüber hinaus und ganz wie nebenher auch noch eine New-York-Elegie anstimmt, wie sie atmosphärischer und schöner kaum sein kann.
Überzeugen in THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK doch nicht nur die Genauigkeit, Klarheit und Lakonie, mit der Harry menschliche Kontur und auch charakterliche Facetten geschenkt bekommt, sondern vor allem, wie dramaturgisch klug sich eben diese Konturen und Facetten entfalten; wie sie mehr und mehr zu Tage treten auf dieser Odyssee durch New York, die zu unternehmen Harry bald gezwungen ist.
Und so treibt dieser Taschendieb-Künstler und Melancholiker, dieser stille Charismatiker und loyale Freund, dieser liebevolle Ehemann und schuldbeladene Vater durch Queens, Brooklyn, Manhattan, die Bronx und bis nach Staten Island. Und die Stadt, die Harry gleichsam zu einem Spiegel wird, erscheint, all ihrer Energie, aller Vitalität zum Trotz, mehr und mehr als eine, die genau weiß, was hinter ihr liegt, was vorbei ist, ein für allemal. Oder auch umgedreht: Harrys Gesicht (sprich: das faszinierende Gesicht eines wundervoll aufspielenden John Turturro) spiegelt mehr und mehr diese ganz bestimmte urbane Melancholie, diesen müden Heroismus einer Schicksalsergebenheit, die wie ein Seismograph des richtigen Moments weiß, daß der letzte Akt bevorsteht. Und wie man diesen mit Würde bestreitet.
In alldem offenbart sich bis hin zur finalen, den Abspann über ausharrenden Kameraeinstellung (im Ernst: Wer dabei den Kinosaal verläßt, ist ein Barbar!) THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK als ein Großstadt-Gedicht erster Güte, als Glücksfall eines Films. Ein Stück Kino, nicht nur, aber gerade auch für Herbst- und Winterabende bestens geeignet.
[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.