Editorial 10/2026

[ 01.10.2026 ] Was ich am Kino auch sehr schätze, ist, daß es sich vor Themen, die selbst mal weh tun, so gar nicht scheut. Das ist ganz aktuell auch im Kinomonat Oktober zu erfahren. Wenn man nun in einem Einzeiler kommende Filme pitchen müßte, käme man an Begriffen wie plötzliche Einsamkeit, würdevolles Altern, totale Überwachung, fremdgesteuertes Bodyshaming, selbstbestimmtes Sterben, tiefe Trauer, ehelicher Abrieb oder früher Verlust nicht vorbei. Bedeutet also, daß von einem Publikum durchaus Offenheit, Empathie und Neugier eingefordert werden, ein bißchen Furchtlosigkeit auch, und dann kann ich versprechen – wir werden alle belohnt. Reichlich!

Es ist verblüffend, wie es Doris Dörrie gelingt, einen Themenkomplex aus Pflegenotstand, Todessehnsucht, Generationenkonflikt, Trauer, Theaterliebe und dem womöglich bald alltäglichen häuslichen Einsatz von KI in FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS zu einem klugen, berührenden, komischen und sehr empathischen Film zu bündeln. Wenn die Sekunden aus der Lebensuhr irgendwann schneller tropfen, sich Gewohnheit in die Liebe schleicht, Sand ins eheliche Getriebe gerät und Meckern zum normalen Ton wird, dann wird in ALTE LIEBE von Andreas Dresen neben einer Geschichte über die zersetzende Macht der Gewohnheit mindestens großes Schauspielkino geboten. Man muß von einem Glücksfall sprechen, daß der wunderbaren Dagmar Manzel kurz nach DER VERLORENE MANN gleich wieder eine Hauptrolle in einem Kinofilm angetragen wurde, denn wir haben tolle Schauspieler, man muß sie nur lassen. Große Schauspielleistungen bieten im Oktober auch Nina Hoss in DIE ANDERE SEITE und Hannah Herzsprung in CORPUS DELICTI!

Wem das Herz nicht weich wird, wenn er in Cristians mal freche, oft sehnsuchtsvolle und bald sehr traurige Augen schaut, der hat vermutlich keins, denn der mexikanische Film MOSCAS gehört gerade wegen seiner Reduzierung in den Mitteln zum ergreifendsten, was der Kinoherbst zu bieten hat. Und noch einmal zurück zum deutschen Film. LÜGEN ÜBER MEINE MUTTER mag Kanten haben, aber er hat eben auch Rosalie Thomass im Cast und fordert an sich Selbstverständliches im Kinoformat ein – körperliche Selbstbestimmung, bedingungslose Chancengleichheit und freiheitliche Entscheidungen.

Daß sich Kino durchaus was trauen und eben auch mal Genres sprengende Zumutung sein darf, beweist der südkoreanische Film HOPE. Na Hong-jin fordert mit diesem nun wahrlich wüsten Stück beim Publikum Nerven, Geduld, Phantasie und Sitzfleisch ein und setzt voraus, daß noch jeder Abwegigkeit eine gewisse Logik eigen ist. Man krümmt sich teils auch aus Gründen der totalen Sinnesüberreizung, aber wie gesagt: Kino darf auch mal weh tun.

Beglückende Kinoabende wünscht

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.