D 2026, 98 min
Verleih: Pandora

Genre: Drama, Literaturverfilmung, Biographie

Darsteller: Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten

Regie: Lars Jessen

Kinostart: 20.08.26

Spaziergang nach Syrakus

DDR, BRD, Hauptsache Italien!

In einem Land vor unserer Zeit lebte einmal ein Kellner. Er baute als Wodka- und Bockwurstherbeiträger auf einem Fahrgastschiff im Greifswalder Bodden ehrgeizlos am Sozialismus mit. Er liebte seine Frau, seine Datsche, sogar seine verhinderte Akademikerlaufbahn, weil er die endlos beweinen konnte. Er lernte, sich kleinere Brötchen schmecken zu lassen. Doch 1982 bekommt der Mann Mitte 40 Appetit auf mehr. Paul Gompitz plant die größte vorstellbare Stoßluftkur unter den Bedingungen der hermetisch verschweißten DDR: einmal wie Johann Gottfried Seume anno 1802 Italien durchwandern! Und dann, husch, zurück hinter die Mauer, vollgesogen mit sizilianischem Atem, der die zu erwartenden Stasi-Schikanen und den Mief des ewig ungelüfteten Arbeiter-und-Bauernstaates erträglicher machen würde!

Das Kleingastronomen-Märchen, so oder so ähnlich dem gebürtigen Dresdner Klaus Müller widerfahren, so oder so ähnlich literarisch verarbeitet vom hessisch sozialisierten Schriftsteller F. C. Delius, stammt aus dem Kuriositätenkabinett einer Republik, in der es an Südfrüchten und mediterranen Hartkäse-Spezialitäten mangelte, nicht aber an Widersprüchen. Daraus macht Wessi Lars Jessen einen Unterhaltungsfilm al forno, dessen resteverwertender Vintage-Look auf geradezu dialektische Weise zum Sommer unseres Mißvergnügens 2026 paßt: Durch die allgemeine Wirtschaftsflaute pfeift leise der neoliberale Wind, den Nationalfußball hat es ins WM-Aus geweht, ostdeutsche Volkstribune drohen mit einem stürmischen Herbst an den Wahlurnen, der Ossi und syne Fru sind auf dem besten Weg, von enervierenden Jammerern zu staatsgefährdenden Grenzverletzern zu avancieren.

Aber sind die blinden Flecken des Historischen Materialismus das Maß, mit dem SPAZIERGANG NACH SYRAKUS gemessen sein will? Absichtlich, das ist anzunehmen, läßt Jessen das parabelhafte Potential der Geschichte liegen. Das sommerlich gestimmte Publikum möchte amüsiert und nicht herausgefordert werden, denkt er sich wohl – und verläßt sich darauf, daß Hauptdarsteller Charly Hübner, wie so oft in beinahe burlesk gespannter Zweisamkeit mit Film- und Lebenspartnerin Lina Beckmann, die erzählerischen und geographischen Kompliziertheiten dieser Odyssee zu überwinden vermag. Klar, der findige Charly kommt am Ende an. Nur die Story bleibt ein wenig auf der Strecke.

[ Sylvia Görke ]