D 2026, 119 min
FSK 12
Verleih: Progress
Genre: Drama, Science Fiction
Darsteller: Enno Trebs, Ulrich Matthes, Naila Schuberth, Susanne Bredehöft
Regie: Nicolas Ehret
Kinostart: 24.09.26
Trübe wird´s in naher Zukunft, wenn nicht gar zappenduster. Denn in eben dieser Zukunft ist die EU zerfallen, wird Deutschland von einer mindestens rechtspopulistischen, wenn nicht gar faschistischen Regierung beherrscht, die, nur folgerichtig, das Land zielstrebig in Richtung Krieg manövriert. Schlimm!
Aber was bedeutet das alles fürs Gemeinwesen? Und wie sieht das alles aus, draußen im Land und drinnen in den Seelen der Menschen? Wer sich das fragt, bekommt Antwort von Regisseur und Drehbuchautor Nicolas Ehret. MORGEN WAR KRIEG heißt sein Film, dessen Titel wohl nicht von ungefähr an den sowjetischen … UND MORGEN WAR KRIEG von Jurij Karra erinnert. 1987 entstand der, also inmitten hoffnungsvoller Glasnost-Zeiten, und erzählt von Repression und Terror in der stalinistischen Sowjetunion, kurz vorm Überfall der Deutschen. Und von jungen Menschen, die bald in den Krieg ziehen müssen.
Was hier alles auch deshalb noch einmal erwähnt sei, weil sich MORGEN WAR KRIEG auch über den Titel hinaus zu Karras Werk in Bezug setzt. Oder setzen läßt. Auch, wenn dann bei Ehret die Handlung in einer unbestimmt nahen Zukunft und keiner konkreten Vergangenheit spielt. Und, im Gegensatz zum russischen Film, in so ziemlich jeder Szene und Einstellung den moralischen Stachel, das mahnende Sendungsbewußtsein, die Betroffenheitsgesten zwischen Gefühl und Didaktik spüren und sehen läßt – und trotzdem oder eben gerade deswegen eine doch seltsam aufgesagte, blutleere Kunstgewerblichkeit atmet.
In der droht dem 33jährigen Jonas der Einberufungsbefehl zur Armee. Nur hat Jonas mit dem ganzen Gedöns von wegen Gewährleistung „handlungsorientierter Wehrhaftigkeit“ samt Parolen wie „Ihr Land braucht Sie!“ so gar nichts am Hut. Sympathischerweise, wie man hier wohl mal kurz hinzufügen muß. Daß Jonas sich um seine 11jährige Halbschwester Leonie kümmert (die Eltern sind gestorben), kümmert wiederum die schnöden Militär-Apparatschiks überhaupt nicht. Da hilft nur die Flucht. Aber wohin? Erst einmal zu Jonas´ Vater. Stuber heißt der, ein Eigenbrötler, zu dem Jonas schon seit Jahren keinen Kontakt mehr hat. Und der irgendwo im Nirgendwo, an der Peripherie des Landes, als Fährmann an einem Grenzfluß lebt.
Hätte sich Ehret nun in Folge auf das diffizile Spiel zwischen Entfremdung und Annäherung vor dem Hintergrund eines dunklen gesellschaftlichen Resonanzraumes kapriziert, hätte MORGEN WAR KRIEG womöglich das Zeug zu einem intensiven Kammerspiel gehabt. Das Darstellerensemble gibt das her, auch inklusive eines etwas klischiert gebrechlichen, gleichwohl geifernden Nazi-Opas (Stubers Vater) und einer ländlich harschen Bürgerwehr-Aktivistin (Stubers Geliebte). Die Kamera kontrastiert dazu stimmig weite Landschaftspanoramen und beengte Interieurs. Und immer wieder zeigen Drehbuch und Regie, daß sie Szenen zu verdichten und zugleich in der Schwebe zu halten verstehen.
Nur ist daneben dann da eben auch noch diese latente Neigung zur „Botschaft“, zur „Mahnung“, zum „Aufrütteln“ oder weiß der Uhu, wie die Leute, die es wissen müssen, gemeinhin dieses Etwas nennen, das den Film dann so platt macht. Da wird dann etwa einmal von einer hehren Widerständlerin hochemotional das Gewissen befragt: „Warum habt Ihr zugelassen, daß die Faschisten gewählt wurden? Warum habt Ihr zugelassen, daß wir aus der EU ausgetreten sind?“ Da geraten Flüchtlinge und Bürgerwehr dergestalt aneinander, daß sich die Inszenierung zu einer Opfer-Täter-Kamerafahrt artifizieller Betroffenheitspenetranz versteigt. Da brütet das Drehbuch Metaphern aus, wie jene von den Vogeleiern, die Leonie auszubrüten versucht, aller faschistischen Weltenkälte zum Trotz. Und schließlich schaukeln am Ende zwei Flüchtende im Boot übers windige Meer. Ja, wir haben es kapiert! Aber auch schon besser gesehen.
[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.