Österreich/D/F 2026, 114 min
Verleih: Alamode

Genre: Drama

Darsteller: Léa Seydoux, Laurence Rupp, Jella Haase, Catherine Deneuve

Regie: Marie Kreutzer

Kinostart: 17.09.26

Gentle Monster

Das Chaos in mir

Es ginge natürlich auch anders. Zum Beispiel die Polizeibeamten sagen zu lassen, weshalb sie gegen den Ehemann ermitteln, warum sie ihn überhaupt ins Visier genommen haben und Daten auf Computern sichern. So aber fällt Lucy zunächst aus allen Wolken und dann in den Fahrstuhl der Behörde. Sie ist nach oben bestellt und liest das Etagenschild: „K17. Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“. Léa Seydoux bleibt hier nur das Gesicht, um zu spielen, was in ihrer Figur vorgeht, wie alles verschwimmt, der Boden unter den Füßen zum Schwamm wird. Die Seydoux kann das! Sie macht das. Und auch vieles anderes macht sie in GENTLE MONSTER richtig gut. Es ist ihr Film.

Lucy ist Französin und lebt mit ihrem österreichischen Mann Philip und dem gemeinsamen Sohn jetzt auf dem Land nahe München. Ihr ist nach Neustart mit Festnetz. Nicht alles also war gut in vergangenen Tagen. Lucy ist Musikerin, seziert ausschließlich Männerlieder mit Stimme, Tasten und Glasorgel. „Boys Don’t Cry“ von The Cure und so etwas. „Ich spreche mit meinem Klavier“, wird sie, als es brenzlig wird, zu Mutter Eloise, gleichbedeutend mit Catherine Deneuve, sagen. „Vorsicht“, erwidert diese, „es könnte antworten!“

Vieles verharrt in Marie Kreutzers Psychodrama bei knappen, präzisen Dialogen, Gesten, Sichtachsen. Der wabernde Schleier erinnert an ANATOMIE EINES FALLS, wobei der Fall hinter das emotionale Menschenchaos aus Zweifeln, Kurzzeitglauben, Aktion und Reaktion zurücktritt, marmoriert durch eine Parallelhandlung mit Polizistin Elsa (auch stark: Jella Haase), die gleichzeitig Wege zu alternativen Filmen für diesen Stoff öffnet, die im Betrachter laufen. Auf der Leinwand läuft Lucys Kampf mit und gegen die Uhr ihrer Ehe, es bohren die Fragen. Hat Philip jemals dem Sohn etwas angetan, ihn benutzt, auf irgendeine Weise mißbraucht? Ist er pädophil oder „nur“ pädokriminell, ein Dealer in der Schaltstation? Oder, ach, hat er als enttäuschter Dokfilmer vielleicht nur recherchiert? Und die Liebe, was ist mit ihr?

Groß und mächtig sind die realen Themen hinter GENTLE MONSTER. Zahlen und Fakten sprechen im Alltag eigene Texte. Kreutzer hat es geschafft, sich nicht der Verführung öffentlich längst manifestierter Deutungshoheiten auszuliefern, sondern des Kinos eigene Bild- und Tonsprache für das Berühren dieser großen und mächtigen Themen zu nutzen. Um zu berühren.

[ Andreas Körner ]