Polen/D/I/F 2026, 82 min
FSK 0
Verleih: Neue Visionen
Genre: Drama, Biographie
Darsteller: Hanns Zischler, Sandra Hüller, August Diehl, Devid Striesow
Regie: Pawe? Pawlikowski
Kinostart: 03.09.26
„Where I Am, There Is Germany.“ Das diktierte Thomas Mann den Reportern im Hafen von New York 1938 in die Notizblöcke. Der Edel-Exilant hatte zu Hitler lange geschwiegen, anders als seine Kinder Erika und Klaus. Aber 1933 kündigte er den Burgfrieden auf, entwischte in die Schweiz, nahm 1936 seine Ausbürgerung aus dem Deutschen Reich zur Kenntnis, floh mit tschechoslowakischem Paß einen Kontinent weiter nach links und wurde in Amerika wie ein Staatsgast empfangen: Das geistige Oberhaupt des „anderen Deutschland“ nahm Sitz in Kalifornien. Doch es saß nicht nur. Es redete dem durch Europa rasenden „deutschen Wesen“ aus der Ferne ins Gewissen. Umsonst. Erst die Alliierten rissen die KZ-Tore auf und machten dem Mordrausch am 8. Mai 1945 ein offizielles Ende. Manns Nation, moralisch entblößt. Wie in den Siegesjubel einstimmen?! Oder gar zurückkehren, um den gestürzten Verbrechern aufzuhelfen?!
Davon erzählt VATERLAND – nicht. Zumindest nicht so, wie uns die historisch informierte Kinopraxis üblicherweise Zeitgeschichte mit Vorgeschichten und Vorvorgeschichten erklärt. Textinserts, Kommentare, Rückblenden? Nichts von alledem erlaubt sich der polnische Filmemacher Pawe? Pawlikowski. Blicke, Begegnungen und Dialoge haben auszureichen, um die Dimensionen der Story zu erfassen! So zu arbeiten, heißt weglassen, weglassen und nochmals weglassen. Das beherzigte Pawlikowski schon bei der Stoffentwicklung. Für VATERLAND nahm er das vorletzte Kapitel des Romans „Der Zauberer“ von Colm Tóibín zur Hand – um ein paar wenige Motive zu adaptieren. Dann studierte er Fakten, Fakten, Fakten, Tagebücher, Briefe, Tonaufzeichnungen – um noch mehr Details zum Weglassen zu sammeln. Übrig blieb ein Tropfen aus dem Meer der Familie-Mann-Forschung, der auf ein Sandkorn in der Wüste der Ideen- und Ideologiegeschichte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg fällt: die Deutschlandreise des Literaturnobelpreisträgers aus Anlaß des Goethe-Jahres 1949.
Es geht los: Erikas geliebter Bruder Klaus lebensmüde in Cannes; Klaus’ geliebte Schwester Erika reisegewappnet in Vaters kalifornischer Villa; Telefonverabredung für ein Wiedersehen in der Trizone, vielleicht. – Es geht wirklich los: Erika am Steuer eines schwarzen Buick; Vater meistens auf dem Rücksitz. – Frankfurt, Trizone: Goethepreis-Verleihung in der Paulskirche; Vater bedankt sich mit einer Rede; üppige Feierlichkeiten; alle Anwesenden entnazifiziert, vermutlich; Erika ohrfeigt Gustaf Gründgens. – Innehalten: Mutter ruft an, Klaus hat sich getötet; Vater will weiter. – Also weiter: Warten in der Kantine der SBZ-Grenzer; nur noch Suppe da. – Innehalten: Johannes R. Becher steigt ein; Beileid wegen Klaus; schöne Aussicht auf den Ettersberg; alle drei zur Andacht ausgestiegen; Buchenwald-Visite wegen Neunutzung unmöglich. – Weimar, SBZ: Verleihung des Goethe-Nationalpreises im Deutschen Nationaltheater; Vater bedankt sich mit einer Rede; Pre-Release der neuen Nationalhymne mit Becher-Text im eilig geflickten Stadtschloß. – Arnstadt, SBZ: außerprotokollarischer Besuch der Bachkirche; Orgelwartung mit Testmusik; Erika und Vater bleiben, nur noch einen Augenblick.
Pawlikowskis Filme entstünden im Kopf, sagt man, und meint damit seine rigorosen Ellipsen. Muß das Kinoereignis also selbst mitgebracht werden? Aber es ist doch alles schon da! Der Rhythmus, die drückenden 4:3-Bildquadrate, das digital entschärfte Schwarz-Weiß des analogen Fotofilms. Dieses ästhetische Konzept, das Pawlikowski mit Bildgestalter ?ukasz ?al in IDA und COLD WAR – DER BREITENGRAD DER LIEBE zum Markenzeichen entwickelte, gelangt in VATERLAND zu größtmöglicher Sinnentfaltung. Sowjetoberst Tjupanow führt hier den Begriff „mephistophelische Dialektik“ im Mund und trifft die doppelte Dynamik dieses Roadmovies im Kern. Während sich das unheimliche „deutsche Wesen“ teilt, im Westen aussieht wie eine endlose UFA-Revue und im Osten wie ein Drillcamp für Volkschöre, vollzieht sich im Buick und an den zweisamen Hotelzimmerabenden zwischen dem von Würde und Alter gebeugten Hanns-Zischler-Vater und der sich zusammenreißenden Sandra-Hüller-Erika ein Kammerspiel der kleinstmöglichen Gesten.
[ Sylvia Görke ]
Kinobar Prager Frühling: 18:30
Passage Kinos: 16:30, 20:30
Regina Palast: 17:00, 19:00
Schauburg: 16:45, 19:00
Kinobar Prager Frühling: 19:30
Passage Kinos: 16:30, 18:30, 20:30
Regina Palast: 17:00, 19:00
Schauburg: 16:45, 19:00
Kinobar Prager Frühling: 18:45
Passage Kinos: 16:30, 18:30, 20:30
Regina Palast: 17:00, 19:00
Schauburg: 16:45, 19:00
Kinobar Prager Frühling: 16:15
Passage Kinos: 11:30, 16:30, 18:30
Regina Palast: 17:00, 19:00
Schauburg: 14:45, 16:45, 19:00
Kinobar Prager Frühling: 18:30
Passage Kinos: 14:30, 16:30
Regina Palast: 17:00, 19:00
Schauburg: 19:30
Kinobar Prager Frühling: 17:45
Regina Palast: 16:30, 18:30
Schauburg: 17:15, 19:30
Kinobar Prager Frühling: 19:00
Regina Palast: 17:00, 19:00
Schauburg: 17:15, 19:30
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