Originaltitel: AMARGA NAVIDAD
Spanien 2026, 111 min
FSK 12
Verleih: StudioCanal
Genre: Drama, Poesie
Darsteller: Barbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez-Gijón, Victoria Luengo, Milena Smit
Regie: Pedro Almodóvar
Kinostart: 30.07.26
Die fernen Tage meiner Jugend hinterließen karge, deutlich verrauschte Erinnerungen, während die sie flankierenden Nächte sich weitaus stärker ins Gedächtnis gruben: oft durchgeredet in Küchen, angefüllt mit dem Qualm ungezählter Zigaretten und Gelächter. Gelegentlich flossen Tränen, es gab (zu) viel Alkohol, meist bedeutungslosen Sex. Und natürlich strömten endlos Filme. Darunter irgendwann HIGH HEELS von Pedro Almodóvar, einem Regisseur, der offen unkorrekt bekundete, sein ideales Sujet kreise um eine Frau in der Krise. Es war zwangsläufig ein sofortiges Match, spätestens dann, als Marisa Paredes hinreißend theatralisch intonierte: „Ich danke Dir, für die Titte. Jetzt habe ich drei!“
Sie starb vor Weihnachten 2024, erschreckend ungewürdigt, hatte vorher wenigstens ihren finalen ALLES ÜBER MEINE MUTTER-Blick in die Kinohistorie gebrannt, derweil Pedro mich treu begleitete. Er tröstete, als für ewig geglaubte Freunde informationslos gingen. Erfand sich neu (DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE ist ein sträflich unterschätztes Meisterwerk), tat vereinzelt seltsame Sachen, FLIEGENDE LIEBENDE drehen etwa. Später, beiderseits zur Ruhe gekommen, das Haar ergraut, wurde man gemeinsam retrospektiv, voller LEID UND HERRLICHKEIT. Und erduldet nun ein BITTERES FEST. Mit allem, was dazugehört, einst und heute.
Da wäre die erwähnte Frau in der Krise; weil Almodóvar nie zur Mäßigung neigte, gewohnheitsgemäß sogar mehrere. Zentral steht Werbefilmregisseurin Elsa nicht nur am Rande des Nervenzusammenbruchs, kollabiert real, nachdem ihre Mutter starb. Zeitgleich schreibt Regisseur Raúl, ein offensichtliches Alter Ego Almodóvars, am neuen Drehbuch – und verarbeitet darin Elsas Story. Ein Zufall, die verschlungenen Wege des Schicksals, wiederholte Geschichte? Oder existiert Elsa lediglich in Raúls Geist, dient sie als gespenstische Spiegelfläche, verschränken sich Realität und Kunst? Wie offenporig verlaufen autofiktionale Grenzen, wer läßt hier wen über die Schulter direkt in den Kopf sehen? Und ist das überhaupt wichtig? Man kann sich, zumindest fast, genauso gut einfach einlassen auf eine Zeitreise durch Almodóvars schillernden Kosmos. Welche selbstverständlich in seiner Lieblingsfarbe badet: Rot sind nicht alle, aber zahlreiche Kleider, Möbel, Requisiten. Keinem anderen gelingt es besser, sorgfältig komponierte Bilder splitscreenfrei zu teilen, zwei scheinbar eigenständige optische Welten auf eine parallel genutzte Leinwand zu bannen. Haus- und Hofkomponist Alberto Iglesias, dessen ohne Umschweife ans Herz krallender Score zu ALLES ÜBER MEINE MUTTER seit 1999 sämtlichen auf der dunkleren Seite des Lebens verorteten Momenten als passende Untermalung taugt, trägt schon vertraute, trotzdem erwartbar einzigartige Spannungsspitzen bei. Und taucht plötzlich für kurze Minuten eine sehr bekannte Nase auf, spricht sie von Heimkehr: Nach 14jähriger Pause kehrte Rossy de Palma in ZERRISSENE UMARMUNGEN zurück. Und blieb.
Es entstand eine den Tod am Weiterexistieren Hinterbliebener verhandelnde, darin eigenständig vortrefflich funktionierende, ihren wirklich kompletten komplexen Reiz indes wohl doch erst bei näherer Betrachtung motivischer Leitfäden entfaltende Reflexion. Unverändert voll Weiblichkeit vor männlicher Schwäche, Respektlosigkeit und hohlen Posen, hell strahlend, aber nie makellos – Almodóvars Heldinnen sind manchmal von heftig trauriger Gestalt, zweifeln, straucheln, verzagen und treffen falsche Entscheidungen. Echte Menschen statt Madonnen. Wozu gehört, daß wild überzeichnete Dramatik am korrekten Platz intimem Beobachten Raum gibt, bloß vermeintlich zu ausufernd gequatscht wird – tatsächlich sitzt jedes Wort am Ende exakt dort, wohin es gehört, um emotionale Forschung zu rahmen. Zeitlosigkeit lädt den Zuschauer zur Eigenbetrachtung, Eleganz funkelt durch teils finsteres Stimmungsdickicht. Almodóvar inszeniert’s so fragil, ein Augenblick der Unachtsamkeit, entzogenen Aufmerksamkeit könnte die Schöpfung beschädigen.
Und auch wenn ihm eigentlich genug Arbeitszeit verbleiben möge, uns noch einige Großtaten zu schenken: Kumpel Pedro hat in Œuvre-Summe gesagt, was zu sagen war. Wäre dies sein finaler Kommentar, sollte er den Ruhestand redlich genießen.
[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...
Passage Kinos: 18:30
Schauburg: OmU 20:00
Passage Kinos: 18:30
Schauburg: 20:00
Passage Kinos: OmU 18:30
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