Bild: FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS
Manche Ratgeber nennen 26 laut Optimal Stopping Theory als ideales Alter, eine dauerhafte Beziehung einzugehen; wer also bislang zauderte, sollte zur Filmkunstmesse jetzt energisch „Ja!“ sagen. Um endlich selbst zu erleben, wieso Friederike Zelder von den Passage Kinos bekennt: „Für uns ist die Filmkunstmesse jedes Jahr ein ganz besonderes Highlight.“ Kein Wunder, gelingt es dem Branchentreff doch auf unnachahmliche Weise, Arbeit und Vergnügen zu verknüpfen, sich auszutauschen, über aktuelle Herausforderungen zu diskutieren, Lösungen zu suchen (und zu finden), genauso einfach mit Kollegen zu plaudern.
Diesjährige Seminare stehen beispielsweise unter den Mottos „Haltung zeigen – Haltungen aushalten“ oder „Filmförderreform: Erfolgreichere Filme? Mehr Publikum?“, derweil das Team der Kinodoktoren seine neu gesammelten Erkenntnisse vorstellt und das Netzwerk der Kinofrauen sich auf weibliches Filmschaffen konzentriert. Felix Bruder, Geschäftsführer der AG Kino, liegt besonders eine nachhaltige Investitionsförderung am Herzen, „um die hohen Anforderungen an modernes Kino zu erfüllen.“ Davon bekommt das Publikum kaum etwas mit, darf sich aber natürlich auf ein Preview-Programm freuen, dessen besondere Vielfalt Kuratorin Hendrike Bake hervorhebt – „das betrifft die Genres und Erzählformen ebenso wie die Lebenswirklichkeiten, von denen die Filme erzählen.“ Auszugsweise seien einige Empfehlungen gegeben.
Doris Dörrie stellt zur Eröffnung persönlich FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS vor, die Geschichte einer körperlich beeinträchtigten alten Dame, deren beruflich eingespannte Tochter einen Pflegeroboter anschafft. Nach anfänglicher Ablehnung entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft. Ein wahrer Preisregen, darunter fünf Goyas, prasselte bereits auf GLAUBE nieder: Hier fühlt sich die 17jährige Ainara stark zu Gott hingezogen und forscht nach dem für sie richtigen Weg. Weiterhin dürfen wir LIEBLINGSMENSCHEN kennenlernen, konkret sind das Agnes (101) und Amir (31, schwul), beste Freunde gegen alle nominellen, aber leider auch realen Widerstände, darunter Amirs drohende Abschiebung. In EINE SCHULE FÜR JANE CUMMING geht’s ebenfalls um eine besondere Konstellation, nämlich zwei Lehrerinnen, deren Zusammensein eine über den Sommer aufgenommene Schülerin erst komplettiert und dann unter Spannung setzt.
Quasi als Kontrast dient ein gleich doppelter Ausflug ins Horrible: QUEENS OF THE DEAD entstand unter Regie von George A. Romeros Tochter Tina und entfesselt vor queerem Hintergrund eine komödiantische – wenig scheint naheliegender – Zombie-Apokalypse. In Papas dem Genre unauslöschlich eingebrannten Geiste, nur eben auf High Heels und mit massig Glitzer. Ernsthaften Grusel verspricht hingegen HOKUM, während der trauernde Romanautor Ohm aufs Land reist und im Bann einer legendenumwobenen Hexe versinkt. Beide Filme laufen stilecht im Rahmen des Midnight Specials und werden dort ergänzt vom launigen Oh-je-ein-Virus-macht-hetero-Animationsamüsement JIM QUEEN sowie der melancholisch-witzigen Hommage ONCE UPON A TIME IN A CINEMA – darin gerät eine anno 1984 noch rappelvolle Abendvorstellung zwischen technischen Problemen, herausfordernden Gästen, bedrückenden Geldsorgen und einer sich gefühlt plötzlich schneller drehenden Welt aus dem Ruder.
Dokumentarische Höhepunkte liefern schließlich der in eine so bunte wie schutzbedürftige Welt entführende THE BEAUTY OF BALLROOM, Jelena Ili?s ihren unter drogeninduzierter Psychose leidenden Vater begleitendes und das daraus erwachsene fragile emotionale Geflecht beleuchtendes Porträt EINE KRANKHEIT WIE EIN GEDICHT oder WHAT WILL I BECOME?, in dem zwei junge Transmänner persönliche Erfahrungen teilen. Zu jenen drei Produktionen werden wieder Regisseur/in oder Protagonist erwartet. Wir notieren uns die Tage schon mal entschlossen fest im Terminkalender, denn das sind nun wirklich mehr als genug Gründe für eine echte Bindung!
[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...