Originaltitel: TUNER

USA/Kanada 2025, 109 min
Verleih: DCM

Genre: Thriller, Action, Romantik

Darsteller: Leo Woodall, Dustin Hoffman, Jean Reno, Havana Rose Liu

Regie: Daniel Roher

Kinostart: 02.07.26

The Piano Tuner

Perfekt gestimmt: Blue-Note-Jazz, Zahnradklacken, Thriller-Triller – ein Film, den man sehen und hören muß

Hyperakusis ist eine krankhafte Überreizung der Geräuschempfindlichkeit. Heißt: Für einen Menschen, der an Hyperakusis leidet, werden Alltagsklänge der etwas lärmigeren Art schnell zur Tortur. Radiogedudel oder Geschirrklappern, Staubsauger oder Bohrmaschine, losheulende Feuermelder, zersplitterndes Glas, hupende Autos oder das Kreischen von Autobremsen – all das wird mindestens zur schmerzhaften Zumutung oder, je nach Grad der Übersensibilität, zur reinsten Akustikhölle, die bei Betroffenen im Extremfall bis zu epileptischen Anfällen führen kann. Und da reden wir noch nicht von Angst- oder Wutschreien, einem trötenden Signalhorn oder gar

Pistolenschüssen. Alles Lärm, den dann Niki, der von Hyperakusis geplagte Held in Daniel Rohers Spielfilmdebüt THE PIANO TUNER, prompt ertragen muß.

Einst auf dem Weg zum vielversprechenden Pianisten, hat Niki seine Musikerkarriere notgedrungen an den Nagel gehangen. Mit seinem väterlichen Mentor Harry Horowitz arbeitet er inzwischen als Klavierstimmer in New York. Wobei für den Job durchaus zuträglich ist, daß Niki neben einem überempfindlichen auch ein absolutes Gehör hat. Was dann auch die angehende Pianistin Ruthie schwer beeindruckt – und schon recht früh in THE PIANO TUNER zu einer großartigen, nun ja, Hörprobe führt, wenn in einem Anfall von Launenhaftigkeit Ruthie am Piano den ihr hier noch recht unbekannten Niki auf die Probe stellt: ihm kurz nur einzelne Töne vorspielt, die dieser stille, scheue Typ so umgehend wie akkurat zu benennen weiß.

Ein C-Fis etwa. Oder einen E7-Akkord, wie er zum Beispiel gern mal dem Jazz eingewebt ist. So ähnlich wie der Jazz diesem Film. Zum Beispiel mit ein paar herrlich perlenden Pianophrasen von Herbie Hancock auf der Tonspur. Oder visuell mit einem augenfällig beiläufigen Kameraschwenk aufs stylishe „Cool Struttin´“–Albumcover (Sonny Clark, noch so ein großartiger Pianist). Und überhaupt ist dieser Film in seinem lässigen Erzählstil bei gleichzeitiger Höchstkonzentration ziemlich jazzy und folglich stylish. Ein superbes Kinostück, das tatsächlich wie selten eins gezielt und darin dramaturgisch clever des Publikums Seh- und Hörnerven anvisiert.

Und die Emotionen natürlich auch. Denn na klar verliebt sich Ruthie in diesen so seltsam introvertierten wie auch einnehmenden Niki. Der Ruthies Gefühle durchaus erwidert – auch wenn er dafür gerade nicht wirklich Zeit und Muße hat. Denn als der gesundheitlich angeschlagene und zudem hoch verschuldete Harry ins Krankenhaus kommt, nimmt Niki von dem charismatischen Gangster Uri ein Job-Angebot an, das ihm erst schnell gutes Geld und dann bald gehörig in die Bredouille bringt. Daß Niki nämlich auch diese ganz speziellen Töne, dieses geschmeidig leise Zahnräder-Klick-klack-klick in Panzerschränken, „richtig“ zu hören und somit das Sicherheitssystem des jeweiligen Safes zu knacken versteht, gefällt Uri verständlicherweise sehr gut. Man kommt also ins Geschäft. Und das läuft bestens. Bis Niki eines Tages aus dem zwar einträglichen, aber auch riskanten Nebenjob wieder aussteigen will. Und das nun gefällt Uri wiederum so gar nicht.

Nach seinen zwei Dokumentarfilmen ONCE WERE BROTHERS: ROBBIE ROBERTSON AND THE BAND und NAWALNY (mit dem OSCAR prämiert) ist Roher mit THE PIANO TUNER ein Spielfilmdebüt gelungen, wie es stilsicherer kaum sein kann. Die Frequenzen in den Tonlagen bei Figurenzeichnung und Dialogen, die kompositorische Verfügung von Charakterstudie, Thriller und Love Story, das konsequente Erzählen im Midtempo, die nachgerade impressionistisch hingetupften visuellen und akustischen Details, das New-York-Setting samt diesem teilweise doch recht speziellen Figurenpanoptikum – all das atmet abseits des Konventionellen eine Autonomie und Könnerschaft, die nie über Gebühr auftrumpft, nie schrillt und lärmt.

Denn selbst dann, wenn es dramatisch wird und in Folge den armen Niki Schrillen und Lärmen peinigen, bleibt THE PIANO TUNER perfekt abgestimmt. Trifft und hält, so cool wie akkurat, den richtigen Ton.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.