D 2026, 116 min
Verleih: Pandora
Genre: Drama
Darsteller: Frida Hornemann, Max Riemelt, Eva Löbau, Rahel Ohm, Florian Lukas, Thomas Schubert
Regie: Eva Trobisch
Kinostart: 09.07.26
Man wird unvermittelt in diesen Film hineingeworfen, der sich zunächst als verwirrendes Beziehungsgeflecht präsentiert, das sich erst nach und nach sortiert: Eine Thüringer Familie in Greiz, ein Ort, in dem sich die Pracht der fürstlichen Residenzstadt mit der Jugendstil-Grandezza der Gründerzeit und den bröckligen Fassaden aus der DDR mischt. Das Alte und das Neue liegen eng beieinander und sich oft auch im Weg.
Wie etwa beim Schloß, das mit Fördergeldern saniert wird. Die neue Ausstellung will die verschiedenen Lesarten der Vergangenheit offenlegen. Bei der Eröffnung nicken die auswärtigen Geldgeber zustimmend mit den Köpfen, aber manche Greizer fremdeln mit der neuen Museumskonzeption, in der sie ihre eigene DDR-Vergangenheit als Ausstellungsstück behandelt sehen. Es offenbart sich eine Sprachlosigkeit zwischen den Generationen: Museumsdirektorin Kati navigiert scheinbar geschmeidig durch die Gegenwart, während ihre Mutter Christel frustriert zum zweiten Mal ihr berufliches Lebenswerk einstürzen sieht. Kämpft doch ihre Pension „Waldblick“, die sie aus der Arbeitslosigkeit heraus nach der Wende aufgebaut hat, ums finanzielle Überleben.
Während Christel die Felle davonschwimmen, steigt ihre Enkelin Lea – Newcomerin Frida Hornemann beeindruckt mit ihrer stillen und gleichzeitig kraftvollen Präsenz – gerade in den gesamtdeutschen Castinghimmel auf. In einer großen Show in München darf sie ihr musikalisches Talent unter Beweis stellen. Nur auf die Frage, was sie denn ausmacht, weiß die Jugendliche keine Antwort. Jedenfalls läßt sich ihre reale Familiensituation derzeit schlecht als Home-Story fürs Fernsehen verkaufen: Leas Mutter Rieke ist schwanger von einem neuen Mann und hängt doch noch
irgendwie am alten. Ihr Vater Matze hingegen versucht, für sich eine neue Perspektive zu finden. Kurzum: Es ist eine komplexe Gemengelage, die Regisseurin Eva Trobisch in multiplen Erzählsträngen und naturalistischen Bildern auf die Leinwand bannt. Dabei offenbart die Filmemacherin, die Wurzeln in beiden Teilen Deutschlands hat, eine scharfe Beobachtungsgabe für ostdeutsche Zustände. Sie bemüht keine aufmarschierenden Nazihorden, tristen Industrieruinen oder sonstigen Erzähl-Stereotype, um ein verunsichertes und zerrissenes Land gut 35 Jahre nach der Wiedervereinigung zu zeigen. Ostdeutschland gerät hier nicht zur Karikatur wie in so vielen anderen Filmen.
Trobisch genügen nebenbei im Gespräch erwähnte tote Fledermäuse unter Tortendeckeln oder eingeschlagene Lampen am neuen Museum, um von gesellschaftlichen Konfliktlinien zu erzählen, die sich bis in das Innere der Familie erstrecken. Und natürlich schwingt in ihrem Ensemblefilm auch stets die Frage nach der Identität und Fremdzuschreibungen mit. Nicht nur Lea strauchelt bei der Frage „Wer bin ich?“ Die Erwachsenen mit ihren gebrochenen Biographien tun sich mindestens ebenso schwer.
Am Ende steht für einen erhellenden Moment kuratierte Wirklichkeit gegen echtes Leben; schließlich beruhen alle Familien auch auf Inszenierungen. Eigentümlich berührt sieht man den Protagonisten dabei zu, wie sie auseinanderdriften und für strahlende Momente auch wieder zusammenfinden. Und damit ist dem Film in der Tat etwas ganz Besonderes gelungen.
[ Dörthe Gromes ]