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Geschichten aus Teheran

Beredtes Bild mit vielen Worten

Der Iran. Eine gute Adresse, was gutes Kino angeht. In der Gesamtregion des Nahen und Mittleren Ostens zudem das einzige Land, in dem Filme entstehen, die mit ihren Innenansichten aus der ambivalenten Halbabschottung der Gesellschaft heraus immer auch (!) Kommunikationsangebote an den „Rest der Welt“, mithin „den Westen“, sind. Analysen und Beobachtungen einer Lebenswirklichkeit, die eben weitaus komplexer (ambivalenter) ist, als wiederum der Blick von außen auf den Iran wahrhaben will oder kann.

Genau das läßt sich jetzt auch an den GESCHICHTEN AUS TEHERAN überprüfen. Ein Film, der auch insofern wichtig ist, als daß er von einer Frau, der Regisseurin Rakhshan Bani-Etemad, gedreht wurde. Medial gern apostrophiert als „Grande Dame des iranischen Kinos“, ist die vor allem erst einmal eine Regisseurin, die im uneitlen Gestus eines Cinéma vérité weniger deutend und postulierend als vielmehr beobachtend und dokumentierend erzählt.

GESCHICHTEN AUS TEHERAN ist genau das, was der Titel sagt: ein Episodenreigen, ein Figurenfresko. Kein roter Erzählfaden, sondern ein lose geknüpftes Muster, dramaturgisch gerahmt von zwei langen Taxifahrten. Dazwischen die Wege von Menschen, die sich kreuzen und wieder verlieren. Da ist der Dokumentarfilmer, der Mißstände in Unternehmen aufdeckt. Eine Mutter, die sich für ihr krankes Kind prostituiert, eine andere Mutter, deren Sohn aus politischen Gründen im Gefängnis sitzt. Ein Fabrikarbeiter und Analphabet, der in Verzweiflung und Scham versinkt, weil er einen Brief des Ex-Mannes seiner Frau hilflos in den Händen hält.

Analphabetismus, Drogen, Prostitution, politische Willkür – zum einen macht GESCHICHTEN AUS TEHERAN keinen Hehl daraus, eine kritische Bestandsaufnahme iranischer Gegenwart zu sein. Aber selbst wenn das Personal hier ein Sammelsurium gesellschaftlich Gestrauchelter oder zumindest Stolpernder darstellt, gerät das dennoch nie zum Pamphlet. Wird also, anders formuliert, dieses Personal, werden diese Menschen nie mißbraucht. Das echte Interesse des Films an diesen Schicksalen, die er streift, ist unverkennbar. Und eine Stärke, die auch über Schwächen hilft. Etwa über dieses doch oft Zuviel an Worten. Da hätte man sich ab und an statt des vielen Redens einfach mal ein still beredtes Bild gewünscht. Auch wenn der Film dann in seiner Gesamtheit wiederum genau das zeigt: ein beredtes Bild des heutigen Irans.

Originaltitel: GHESSE-HA

Iran 2014, 92 min
FSK 12
Verleih: Eksystent

Genre: Drama, Episodenfilm

Darsteller: Mohammad Reza Forutan, Mehraveh Sharifinia, Golab Adineh

Regie: Rakhshan Bani-Etemad

Kinostart: 09.02.17

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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