Originaltitel: JULIETA

Spanien 2016, 99 min
FSK 6
Verleih: Tobis

Genre: Drama

Darsteller: Emma Suárez, Adriana Ugarte, Rossy de Palma, Dario Grandinetti

Regie: Pedro Almodóvar

Kinostart: 04.08.16

14 Bewertungen

Julieta

Großes Kino über die Rätselhaftigkeit des Lebens

Rot und Blau. Herzblut und Wasser. Der Pulsschlag und die Ewigkeit. Nein, Pedro Almodóvar unterläuft diese farbliche Kontrastierung nicht, derartiges ist bei ihm stets intendiert, ist er doch wieder und noch immer beinahe der einzige Überlebende einer Zunft, in der man einst viel von Bildern verstand. Das europäische Gegenwartskino ist zu stark zum Betroffenheitshörspiel verkommen, bei Almodóvar ist das jedoch ganz anders. Er zeigt, daß er etwas zu erzählen hat: in satten Farben, mit Freiräumen für das Tiefenlot, in Leidenschaft und Abgründen, mit Zeitsprüngen und immerzu schönen Frauen.

Womit wir bei JULIETA sind, seinem 20. Film, und man darf sich wünschen, daß noch viele folgen, weil Almodóvar zu sich zurückgefunden hat, weil er einer der wenigen echten Narrateure des Kinos mit eigener, zuverlässig schon in den ersten Filmmomenten auszumachender Handschrift ist, und weil er wie kein zweiter Dialoge schreiben kann, zum Heulen wahrhaft. Ziemlich am Anfang sagt Lorenzo zu Julieta: „Danke, daß Du mich nicht allein alt werden läßt!“ Das muß man wirken lassen! Doch zurück zu einer Zeit vor ungefähr 20 Jahren: Eine Zugfahrt, bei der die junge Julieta Xoan kennenlernt, in den sie sich verliebt, dem sie in ein galizisches Fischerdorf folgen und die Tochter Antía schenken wird, ein Kind der Liebe auf den ersten Blick, der Lust und der Sehnsucht. Auf der erwähnten Zugfahrt gezeugt. Hier muß man kurz stoppen: Allein, wie Almodóvar den Sex im Zug filmt, das Licht, die Perspektive, der Ausschnitt! Antía wird jung ihren Vater verlieren, und mit 18 Jahren wird sie selbst verschwinden. Was Julieta an den Rand der Verzweiflung, zurück nach Madrid und in die Arme Lorenzos führen wird.

JULIETA ist ein Paradestück komplexen, aber keinesfalls verqueren Erzählens, kunstvoll vermischt Almodóvar Zeitebenen, skizziert sein Personal knapp, aber ausreichend, und er bedient sich mit einiger Lust am eigenen filmhistorischen Fundus, wozu Frauen im Koma, verschwindende Väter und verhängnisvolle Zugfahrten gehören, das Weggehen im Streit und das Fatale des Unausgesprochenen ebenso. JULIETA ist ein sinnlicher, ein ernster Film, dem die Schicksalsbedrohung seiner Figuren früh anzumerken ist, weshalb Almodóvar und sein Hauskomponist Alberto Iglesias JULIETA in mancher Sentenz den Duktus eines Thrillers verpassen. Von Almodóvar wird ja immer gern als „Frauenregisseur“ geschrieben, was auch immer damit gemeint ist. Sicher ist ihm als schwuler Filmemacher das Emanzipatorische näher als anderen, was in jedem Fall auch an JULIETA beeindruckt, ist, wie empfindsam, ohne betulich zu sein, wie respektvoll, ohne anbiedernd zu sein er von einer immensen Mutterliebe zu erzählen weiß, wie er brutalste seelische Verkümmerungen skizzieren kann, ohne dabei zu vergessen, seine Frauen in Schönheit altern zu lassen.

Letztlich ist JULIETA aber vor allem das Werk eines Kreislaufs, ein Hymnus aufs Lieben, Leben und aufs Vergängliche gleichermaßen. Den Anfang bringt die Liebe, das Ende das Wasser. Das Verstreuen von Asche im Meer hat dabei etwas Tröstliches, eine Freiheit, die einem nicht genommen werden darf. Und daß Julieta Lorenzo kennenlernt, der nicht ohne Grund mit Nachnamen Gentile heißt, und daß es eine Schlußfahrt geben wird, die wieder zum Wasser führt, all das hat etwas ungemein Beruhigendes mitten in dieser Rätselhaftigkeit eines geprüften Lebens.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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