Originaltitel: VIEJA LOCA

Spanien/Argentinien 2025, 94 min
FSK 16
Verleih: Happy Entertainment

Genre: Thriller, Psycho

Darsteller: Carmen Maura, Daniel Hendler, Agustina Liendo, Emma Cetrángolo

Regie: Martin Mauregui

Kinostart: 29.10.26

Crazy Old Lady

Was ist bloß mit Alicia los?

Sind alternde Schauspielerinnen blanker Horror? Man denke an Joan Crawford, Lana Turner, Elke Sommer oder Shelley Winters – Karriereendstadien mündeten oft im ebenso häufig doppelt fürchterlichen Genrekino. Und jetzt rückt Carmen Maura, Geburtsjahrgang 1945, nach. Zu ihren Regeln allerdings. Denn anders als bei den Genannten gibt’s keine schiefen Perücken, alkoholgeschwängertes Nuscheln, sichtbare Verzweiflung. Maura ist unverändert eine Diva, die Leitwölfin, der Star, selbst angesichts übersichtlicher Gestaltungsmöglichkeiten: Sie mimt Alicia, deren Tochter sich um die geistig verwirrte Mama sorgt und deswegen Ex-Schwiegersohn Pedro zur natürlich abgelegenen, museal verkrusteten Familienvilla schickt. Fehler! Alicia nimmt ihn gefangen, Folter und Psychospiele folgen. Warum, dröseln Alicias Erinnerungen auf, eine Parade schrecklicher Geschehnisse.

Darin gelingt Maura fern offenbarer Anstrengung eine nur wirklich fähigen Aktricen glückende Gratwanderung: Abdrehen ohne billiges Gehampel. Ob Alicia kindisch lacht, Pedro ihre Brüste präsentiert, sich beim Wahrheit-oder-Lüge-Marathon enttäuscht von seinem Versagen abwendet, zum Tranchiermesser greift oder versonnen Make-up aufträgt – man schaut nie bloß einem Parforceritt zu; was schier in den Sessel drückt, ist alles, was die einstige Almodóvar-Muse Maura schon in dessen Werk so formidabel zeigte. Das Angeschossene, per Wimpernschlag zwischen Emotionen Wechselnde, unterschwellig Gärende und kaum Heraustretende, lediglich in leichter Überhöhung nach außen Getragene. Wo es still vergeht.

Dazu vereinnahmt hohe handwerkliche Kompetenz, gegossen beispielsweise in unablässigen Regen, welchen die auf Effekt getrimmte Beleuchtung manchmal giftig grün färbt. Ebenso gefährlich schillernd die Musik, sich erst hinterrücks anschleichend, um irgendwann unvermittelt in Rummelmelodien zu kippen, geradezu höhnisch. Dräuende Schatten simplifizieren Gesichter zu Fratzen, passender Rahmen für Alicias Regel Nr. 1: „In diesem Haus wird nicht geschrien!“ Daß inhaltliche Überraschungen nahezu komplett ausbleiben, das Duell bis zum großartig diskussionsbefeuernden Ende streng nach jederzeit vorhersehbarem Genreplan verläuft, fällt da zwar umso stärker auf, geht aber okay. Mutters 100fach gegessene Rouladen schmecken ja auch immer noch lecker.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...