Originaltitel: THE SUMMER BOOK
Finnland/GB/USA 2024, 90 min
Verleih: Film Kino Text
Genre: Drama, Literaturverfilmung, Poesie
Darsteller: Glenn Close, Emily Matthews, Anders Danielsen Lie, Ingvar Sigurdsson, Pekka Strang
Regie: Charlie McDowell
Kinostart: 25.06.26
Vater, Großmutter, Kind (bloß Letzteres bekommt einen Namen, konkret Sophia) verbringen den Sommer auf einer winzigen Insel. Papa taumelt als Witwer zwischen Trauer und Selbstüberhöhung, das Mädchen hat wenig Plan, wohin ihr Weg führen soll, Oma schließlich hält die Kleinfamilie zusammen, so gut es eben geht. Durch die rauhe, ursprüngliche und fast ehrfürchtig eingefangene Landschaft streift außerdem ein Geist – Sophias Mutter scheint jeden Schritt zu begleiten, ihr ist liebevolles Gedenken gewidmet: „Mama mochte Stürme …“ Trotzdem spricht es niemand aus: Sie fehlt. Extrem.
Mehr passiert kaum, dieser Film meidet langen Dialog oder heftige Gefühlsausbrüche, die vom üblichen Musikgemenge leider zu häufig zu schwülstig gebrochene Stille heilt das Dreiergespann vorsichtig, wogegen stetes krampfhaftes Schweigen es lähmt, auch Mißverstehen und Abwenden wachsen läßt. Es geht um vierbeinige Ankerpfosten. Darum, wie die Natur mittels Flora und Fauna kommuniziert, falls wir uns trauen hinzuhören. Ehrend gepflanzte Bäumchen oder den Traurigkeitspanzer brechendes Schlürfen beim Essen finden Raum, während sich zwei Leben verschränken: eins, das am Anfang steht, noch alles Wichtige lernt und zwangsweise zu früh erwachsen wird. Das andere blickt seinem Ende entgegen, hat zu viel gesehen, begegnet jenem Faktum aber mit ruhiger, gütiger Gelassenheit, nahezu stoisch. Meist zumindest. Denn selbst wenn Erinnerungen verblassen, stirbt die Sehnsucht doch niemals, lodert unvermittelt auf und gaukelt gar Wunscherfüllung vor. Zum Beispiel ein ankommendes Boot.
Man muß da gesondert über Glenn Close schreiben, die vom Rachedämon in EINE VERHÄNGNISVOLLE AFFÄRE bis zum faszinierend furchterregenden GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN-Biest manche legendäre Rolle mimte – und diese hier verkörpert, verinnerlicht und derart in Besitz nimmt, daß man sich tatsächlich keine andere Darstellerin an ihrer Stelle vorstellen kann oder es nur möchte. Gebeugt, am Stock, mal nackt ganz bei sich, manchmal ironisch blitzenden Auges, oft sanften Lächelns. Nirgends ein Hauch charakterkostümierter Schauspielerei, aufs Publikum zielender Effektarbeit, Close schöpft allein aus weiterzugebender Erfahrung. Mithin ein Akt totaler emotionaler Hingabe, der inspirierende Unterhaltung zum Nachhall provozierenden Erlebnis formt.
[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...