Originaltitel: VIRGINIA WOOLF’S NIGHT & DAY
GB/D 2025, 95 min
Verleih: Wild Bunch
Genre: Literaturverfilmung, Drama
Darsteller: Haley Bennett, Elyas M’Barek, Lily Allen, Jennifer Saunders, Timothy Spall
Regie: Tina Gharavi
Kinostart: 09.07.26
Frau im Wasser, Blick zum nächtlichen Himmel. Blinzeln ihr die kosmischen Schwärme des Perseus, der Kassiopeia, der Andromeda etwa aufmunternd zu? Die Sternenschwimmerin heißt Katharine Hilbery und schwärmt auch. Aber nicht für William, ihren Verlegenheitsverlobten. Schon gar nicht für Ralph, der sich mit fragwürdiger Herkunft und unverstelltem Wesen interessant macht. Katharines Schwärmerei gilt der Astronomie – eine Leidenschaft, die sich für Damen aus besseren Kreisen im London des frühen 20. Jahrhunderts nicht ziemt. Vater Hilbery hat für seine Tochter folgende Pläne: Fünf-Uhr-Tee, wohlerzogene Ehrgeizlosigkeit, Heirat. Doch was erlaubt sich diese überspannte Göre?! Sie schleicht sich unter Vorspiegelung männlicher Tatsachen in die Royal Astronomical Society und bewirbt sich für ein Mathematik-Studium in Cambridge! Ein protofeministischer Beziehungsreigen in spätviktorianischen Verhältnissen bahnt sich an. Upperclass-Ladies flirten mit dem Eigensinn, Patriarchen mit der „guaden oiden Zeit.“ Man neckt sich, man mißversteht sich, beinahe in Jane-Austen-Manier. Derweil bricht mit dem für 1910 verbürgten Überflug des Halleyischen Kometen auch über England die Moderne herein. Die Suffragetten werden lauter, Leuchtreklamen flackern, der elektrifizierte Score von Simon Goff weist voraus – von uns aus gesehen natürlich zurück – in die Zukunft.
Virginia Woolfs 1919 veröffentlichter Roman „Night And Day“ diente als … Vorlage? Pate? Inspiration? Jedenfalls beweist dieses Period Piece – bislang größtes Projekt in der Regiekarriere von Tina Gharavi – vor allem eines: Im Krieg um die Aufmerksamkeit und in der Liebe zu historischer Belletristik ist alles erlaubt. Von dieser Faustregel machte Drehbuchautorin Justine Waddell reichlich Gebrauch. Sie ließ weg, schmückte aus, sortierte um und machte Woolfs 500-Seiten-Frühwerk einen schlanken Fuß.
Der, also der Fuß, schmiegt sich nun ganz gut in den Zeitgeist der 2020er: ressourcenschonende Komplexität, aware Grundstimmung und klare Ansagen. Geradezu verschwenderisch fiel dagegen die Besetzung des Ensembles aus. Britische Altstars und internationale Youngsters, darunter auch „unser“ Stern Elyas M’Barek, werden so schnell an- und ausgeknipst, daß sie kaum vom Glimmen ins Leuchten kommen.
[ Sylvia Görke ]