D/Österreich 2026, 102 min
Verleih: Neue Visionen

Genre: Dokumentation, Biographie

Darsteller: Birgit Minichmayr, August Diehl

Regie: Maria Wischnewski

Kinostart: 12.11.26

Helene Weigel

Wollt’ sie halt bißl brüllen?

Vom Kinoplakat schaut eine junge Frau ins Heute: Close-up, Nude Look, androgyne Kurzhaarfrisur, das schmale Gesicht fast skulptural ausgeleuchtet, das Schwarzweiß-Foto freigestellt und vor volltoniges Orange gesetzt. Aber was hat die Abgebildete, die glatt nebenan wohnen könnte, mit der „Primadonna im proletarischen Gewand“, mit der maßgeblichen Modellschauspielerin des Epischen Theaters Helene Weigel zu schaffen? Wie paßt die Plakat-Frau zum Mythos der Unberührbaren, die die amourösen Nebenwege des Ehemanns Bertolt Brecht heroisch ertrug und das Berliner Ensemble als herbe Prinzipalin und dreifache Nationalpreisträgerin der DDR in den 50er- und frühen 60er-Jahren zur sozialistischen moralischen Anstalt auf Weltniveau machte?

In der augenfälligen Differenz steckt der programmatische Ansatz von Maria Wischnewskis assoziativem Porträt. Sie verteidigt Helene Weigel gegen die Lebensleistungsprüfer der Nachwendezeit, die – aus Faulheit oder Unwissenheit – manchmal selbst in die Klebefallen der DDR-Propaganda tappten. „Genossin Weigel“ fiel als Repräsentantin der SED-Nomenklatura durch, ganz ohne Parteibuch. Doch die jüdische Herkunft, die ein anderes Licht auf Weigels Kampf gegen den Faschismus warf, ihr Hollywood- und Gala-untauglicher Anti-Star-Appeal, der das sich elendig ziehende Exil erschwerte, die prägenden Jahre in der sich zur Moderne öffnenden Geburtsstadt Wien und im tosenden Berlin der Weimarer Republik, wo sie sich unkonventionellen Lebens- und Liebesformen öffnete … All dies war schon im Arbeiter-und-Bauernstaat unter den Tisch gefallen.

Weigel hatte keine Gelegenheit mehr, den Nachgeborenen von ihren kleinen und großen Revolutionen zu berichten – sie starb 1971. Jetzt nimmt sich dieser Film der Sache an und rekonstruiert ihre Stimme. Auf einer Bühne des Berliner Ensemble sitzt die Schauspielerin Birgit Minichmayr und trägt mit sanftem oberösterreichischen Dialekt aus Weigels Briefen vor – fast wie bei einer „Probe am Tisch.“ Wenn die Stimme auf Antwort wartet, übernimmt Brecht, gelesen von August Diehl. Wenn die Stimme abbricht, übernimmt das Material: Foto-, Ton- und Bewegtbilddokumente. „Ich wollt’ halt bißl brüllen“, erzählt die Stimme von Weigels Drang zum Theater. Und die Stimme macht uns staunen, war Weigel doch berühmt als Meisterin des „stummen Schreis.“

[ Sylvia Görke ]