Originaltitel: HER PRIVATE HELL
USA/DK 2026, 110 min
Verleih: Plaion
Genre: Thriller, Science Fiction
Darsteller: Sophie Thatcher, Charles Melton, Kristine Froseth, Havana Rose Liu
Regie: Nicolas Winding Refn
Kinostart: 12.11.26
Zehn Jahre liegt der letzte Kinofilm Nicolas Windig Refns (kurz NWR), des am wenigsten dänischen Regisseurs unter den dänischen Regisseuren, zurück. Zwar lieferte der in Folge für einschlägige Streaming-Dienste mit TOO OLD TO DIE YOUNG und COPENHAGEN COWBOY noch zwei faszinierend eigenwillige, grausam schöne Serien ab, die den faszinierend eigenwilligen und grausam schönen NWR-Erzählkosmos noch einmal in Konsequenz weiterspannen – aber davon abgesehen kam der Mann zwischen Werbefilmen und Musik-Clips trudelnd seiner eigentlichen Bestimmung, dem Kino eben, scheinbar immer mehr abhanden. Daß er 2023 auch dem Leben fast abhanden kam, gehört hier freilich auch deshalb erwähnt, weil der Regisseur es selbst erwähnt: Ob eines Herzstillstands war NWR ganze 25 Minuten lang klinisch tot – und es ist diese Erfahrung, die dazu beitrug, in Folge wieder Richtung Kino zu driften. Und das mit HER PRIVATE HELL, einem Film, in dem erklärtermaßen eben diese Erfahrung einen Niederschlag fand.
HER PRIVATE HELL spielt dann auch prompt in einem Zwischen- oder Jenseitsreich; in einer futuristisch urbanen Neon-Nebel-Phantasie, in der Bedrohungen aus den tiefsten Tiefen des Unbewußten wie aus den Höllenkreisen der Obsessionen aufsteigen. Von solchen Obsessionen wird auch die junge Schauspielerin Elle geplagt. Meuchelt sich doch ein Leatherman genanntes Wesen durch die Stadt. Ein Dämon mit gefährlich scharfschneidenden Diamanten auf den Lederhandschuhen. Elle wird diesem Wesen verdammt nahekommen.
HER PRIVATE HELL ist ein Spiegelkabinett der Allegorien und Kino-Reminiszenzen. Giallo-, Horror-, Yakuza-Film-Versatzstücke fliegen einem wie scharfe Splitter ins Auge. Überhaupt: Augen sind seit jeher in NWRs Werk ein motivisch wiederkehrender Fetisch. Und zwar ganz im Sinne des surrealistischen Kino-Diktums vom „Messer im Auge des Betrachters“, das dann auch in HER PRIVATE HELL ganz konkret zum Schock-Bild wird. Nur verweist das hier auf nichts. Oder richtiger: HER PRIVATE HELL kommt sich vor lauter Verweisen selbst abhanden. Bis hin zur Musik, die, ein NWR-Novum, hier nicht in passend minimalistisch-elektronischer Kälte, sondern als orchestrale Hitchcock-Hommage in der Brian-de-Palma-Aufbereitung erklingt (Komposition: Pino Donaggio). So suggestiv der Film in Einzelmomenten ist – im Gesamteindruck verbreitet er eine gespenstische Leblosigkeit.
[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.