Originaltitel: KLARA AND THE SUN

GB/USA 2026, 117 min
FSK 12
Verleih: Sony

Genre: Science Fiction, Drama, Literaturverfilmung

Darsteller: Jenna Ortega, Amy Adams, Aran Murphy, Mia Tharia

Regie: Taika Waititi

Kinostart: 29.10.26

Klara und die Sonne

Vom Traum, verkauft zu werden

Ist das der moderne Mensch? Der, der im sinnbildlichen Schaufenster ausgestellt wird und nur darauf wartet, gekauft, besessen zu werden, zu dienen? Sofern er nicht das Privileg genießt, auf der anderen Seite der Scheibe geboren worden zu sein? Die Welt bekommt er durch die transparente Barriere vorgeführt. Man könnte sie auch mit einem Bildschirm oder der Kinoleinwand gleichsetzen, läßt man sich einmal auf das Gedankenspiel ein. Doch auf einmal geschieht dort Wundersames. Der Blick nach draußen lehrt das neue Staunen. Und sei es nur in Form der Sonnenstrahlen, die golden funkelnd auf Menschen fallen. Was hält sie am Leben? Was heißt es zu empfinden? Was meinen die Gesten, mit denen sich das Umfeld tagtäglich begegnet? Und warum geht es dort draußen einigen so gut und anderen so schlecht?

KLARA UND DIE SONNE spielt in einer Welt der Produkte. Sein Mikrokosmos ist zunächst vor allem von Robotern bevölkert. Nicht nur als Fremdkörper, sondern womöglich auch als Zerrbilder von uns, die wir im Kino sitzen. Deshalb ist der erste Akt und Prolog dieser Geschichte auch der spannendste. Weil darin die Verfremdung so gut funktioniert und einmal alles Gewohnte in etwas Satirisches überführt. KLARA UND DIE SONNE, basierend auf dem Roman des Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro, zeigt eine Ordnung, in der alles Konsum ist und alles konsumiert werden kann. Menschenware wird in Geschäften ausgestellt, um nützliche Arbeitskraft anzubieten oder seelsorgerische Dienste zu verrichten. Gefährten, Freunde oder einfach nur folgsame Haushaltshilfen.

Klara ist einer der Androiden im Schaufenster, die sich nichts sehnlicher wünschen, als endlich einen Besitzer zu finden, um ihren angestammten Platz in der Klassengesellschaft einzunehmen. Der Film beginnt mit dem Aufhübschen hinter den Kulissen. Alles für die Laufkundschaft. Eine Managerin mit orangenem Lockenkopf gibt die freundliche Sklaventreiberin. Die Menschenpuppen werden gedrillt für den perfekten Auftritt, die Regungslosigkeit und Unterwürfigkeit. Ein Store als Kaserne. Leben bitte nur auf Zuruf und als Erwiderung. Der Kunde macht den ersten Schritt! Im Retrofuturismus dieser Bilder trifft gräuliche Einheitskleidung auf groteske, quietschbunte Farbkontraste, die alles Häßliche in eine trügerisch heitere Spielzeug-Ästhetik verwandeln. Daß Regisseur Taika Waititi in der bisweilen strengen Symmetrie und dem geordneten Bildaufbau vielleicht hier und da auch von Wes Andersons Filmen inspiriert wurde, drängt sich als Verdacht schnell auf.

Nun ist KLARA UND DIE SONNE aber weniger eine Studie dieses kommerziellen Systems, sondern die Handlung sehnt sich gemeinsam mit der Titelfigur danach, tatsächlich die Außenwelt zu erleben, die bislang nur gerahmt und begrenzt wahrgenommen wurde. Endlich raus und lernen. Von Freiheit kann in diesem traurigen Stoff dennoch keine Rede sein. Als Klara nach einem Unfall die Todesstrafe droht, findet sie in letzter Sekunde eine Abnehmerin. Die junge Josie überredet ihre Mutter zum Kauf. Der Versandkarton, in den nicht nur Klara, sondern auch die Kamera gepackt wird, gleicht einem Sarg.

Ein Schwarzbild zerteilt KLARA UND DIE SONNE so in einen starken Kurzfilm und einen weniger überzeugenden längeren Film. Denn die Welt wird mit dem Umzug in das neue Zuhause keinesfalls größer, die Erzählung nicht nennenswert komplexer. Da findet eigentlich nur eine Fokusverschiebung statt. Klara wird Teil einer trauernden Familie: Josies Schwester kam ums Leben. Sie lebt in einem prächtigen, abgelegenen Landhaus, umringt von Feldern. Auch hier ahnt man zuerst kaum, welcher Schrecken sich hinter dem Idyll verbirgt, etwa was das Thema Gen-Manipulation anbelangt, um zu den Herrschenden zu gehören. Viel schwerer wiegt aber das emotionale Drama, das sich mit technischen Errungenschaften und Experimenten dieser dystopischen Welt zu besänftigen versucht. Es geht um Verlusterfahrungen, vergangene und kommende. Es geht um die Angst vor dem Tod. Wie kommt man darüber hinweg, und welche Möglichkeiten birgt das Sci-Fi-Universum, um die Endlichkeit zu überlisten? Vielleicht auch nur als Illusion?

Als Diskursfilm über den Umgang mit künstlicher Intelligenz wirkt das alles eher aus der Zeit gefallen. Geschichten darüber, wie menschlich die Maschine und wie maschinell wir Menschen sein können und was ein Roboter nun eigentlich fühlen kann: Das erscheint dann doch etwas abgedroschen, naiv und verheddert sich in zu vielen losen Motiven. Für die KI-Konflikte der Gegenwart erweist sich das als nicht besonders produktiv, wenn man doch wieder nur mit leicht esoterischem Anstrich über das sogenannte allzu Menschliche grübelt. Nicht, daß die Frage nach der Ersetzbarkeit und Beherrschbarkeit von allem irrelevant wäre. Oder die Frage nach einer ethischen Robotik. Aber Waititi ist mit seinen ewigen Kinderfilmen womöglich nicht der geeignetste Regisseur, um solchen schwierigen Themen kluge Gedanken oder interessante ästhetische Positionen abzuringen. Dafür ist er viel zu vernarrt in das berechenbare Gefühlige und den Klamauk, wenn er Jenna Ortega als Kind im Erwachsenenkörper durch die Gegend hampeln oder eine lebende Vogelscheuche durchs Feld trotteln läßt.

Die durchaus irritierende, mitunter zynische Brutalität solcher Slapstick-Einlagen zerfließt irgendwann im Tränendrüsen-Mischmasch. Alles ist im Grunde Kitsch in KLARA UND DIE SONNE: das Witzige und Traurige zugleich. Irgendwann hört die sentimentale Musik kaum noch auf zu spielen. Aber auch das Schauspiel dazu ist Kitsch. Es mutet oft mehr wie eine Erinnerung und bemühte Kopie menschlicher Regungen an als deren empathische Verkörperung. Oder ist dieser Eindruck des Gestelzten und Simulierten doch die eigentliche Stärke? Man wird mit jeder Minute unsicherer. Vielleicht sind die überzeichnete Künstlichkeit und Puppenhaftigkeit von Waititis Filmwelt noch das konsequenteste künstlerische Mittel. Es stört die blinde Vereinnahmung von all den großgestischen Siegen und melodramatischen Tröstlichkeiten. Egal, ob in der Familientherapie, der Suche nach der Liebe, auch in ihrer Grausamkeit, im Kampf gegen die dunkel qualmende Umweltverpestung oder in der Akzeptanz der sozialen Nahrungskette. Klaras Ego-Perspektive glitcht, zoomt und verpixelt manchmal die Bilder. Eine Sichtweise kalibriert sich neu. Und ein letzter Rest Unbehagen bezüglich ihrer (Un-)Zuverlässigkeit rettet den Film vor dem reinen KI-Propaganda-Märchen.

[ Janick Nolting ]