Originaltitel: MINOTAUR
F/D/Lettland 2026, 149/141 min
Verleih: MUBI
Genre: Drama
Darsteller: Dmitriy Mazurov, Iris Lebedeva, Boris Kudrin, Yuriy Zavalnyouk
Regie: Andrey Zvyagintsev
Kinostart: 05.11.26
Gleb ist der Chef eines Logistik-Unternehmens in einer russischen Provinzhaupstadt und führt ein bourgeoises Musterleben. Mit seiner Familie bewohnt er eine moderne Villa in der Waldidylle. Seinem Teenager-Sohn steht er mit väterlichem Rat zur Seite. Die hilfsbereite Schwiegermutter geht bei ihnen ein und aus. Seine Freunde gehören alle zur Elite der Gesellschaft. Und mit dem Bürgermeister verkehrt er auf kurzem Dienstweg.
Man kann wirklich nicht behaupten, daß Gleb unsympathisch sei. Und doch hat er zum Ende des Films Blut an den Händen – und zwar gleich mehrfach. Der Film beginnt als eine zeitgemäße Adaption von Claude Chabrols Thriller EINE UNTREUE FRAU. Ein Mann verdächtigt seine Frau, die sich immer mehr von ihm entfernt, fremdzugehen. Er läßt sie beschatten und findet schließlich ihren Liebhaber. In Andrej Zvyagintsevs Version ist das ein hipper Fotograf, der in einer Plattenbausiedlung seine Atelier-Wohnung – und sein Liebesnest – hat. Absolut stilsicher und kühl wie immer macht sich Zvyagintsev den Stoff zu eigen und überträgt ihn auf russische Verhältnisse.
Seine Tiefe bekommt der Film aber durch die politische Dimension. Er spielt im Frühjahr 2022, während der russischen Teil-Mobilmachung. Reihenweise setzen sich Mitarbeiter der Firma ins Ausland ab. Gleb, der nette Chef, beschäftigt sie auch remote weiter. Doch dann wird er aufgefordert, eine Anzahl von Männern direkt für den Kriegsdienst zu benennen. Die Skrupellosigkeit, mit der er dieses Problem löst, wird durch die Kaltblütigkeit überlagert, mit der versucht, seine Ehe zu retten. Der Film ist eine Tour de Force für das Publikum, das die fatale und spannungsreiche Verkettung der Ereignisse zumeist aus der Perspektive des Täters erlebt. Dabei streut Zvyagintsev auch eine gute Prise schwarzen Humors mit ein. Ähnlich wie für Chabrol steht für ihn immer die Familie im Zentrum. Das war schon in seinem bildgewaltigen Meisterwerk DIE RÜCKKEHR so, das ihn international bekannt machte. Dabei sind seine Filme immer politischer geworden.
In MINOTAURUS, den er bereits im Exil in Lettland drehte, paßt er präzise jenen Moment ab, in dem das Politische ins Private eindringt. Es ist das Sittenbild einer Gesellschaft, in der alle mitschwimmen und eine Hand die andere wäscht. Und der Ariadne-Faden ist abgerissen.
[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...