D 2019, 90 min
FSK 12
Verleih: NFP

Genre: Drama

Darsteller: Almila Bagriacik, Meral Perin, Rauand Taleb, Armin Wahedi

Regie: Sherry Hormann

Kinostart: 09.05.19

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Nur eine Frau (2019)

Welche Familie? Welche Ehre?

In Zeiten, in denen Diskussionen über Integration und Kopftücher sogar in Freundeskreisen und Familienkonstellationen, die sich selbst als eher linksliberal empfinden, oft in unüberbrückbaren Differenzen münden, ist es ein Wagnis, aber eine Notwendigkeit zugleich, einen Film über die so genannten „Ehrenmorde“ zu inszenieren. 2005 sorgte der Tod von Hatun Aynur Sürücü für Aufruhr. Mitten in Berlin erschoß ihr jüngerer Bruder Ayhan die 23jährige. Hatun „befleckte“ die Ehre ihrer streng konservativ-muslimischen Familie, weil sie „wie eine Deutsche“ leben wollte.

Regisseurin Sherry Hormann scheint zu wissen, auf welch’ dünnem politischen Eis sie sich bewegt, denn seit 2005 hat sich bekanntlich einiges getan im Land. In dieser unübersichtlichen Gemengelage versucht sie gewissermaßen allumfassend hinter die Schlagzeile zu blicken. Sie will der jungen Frau endlich ihre Stimme zurückgeben, die emotionalen und religiösen Motive für das Verbrechen darlegen, eine Debatte über Integration anstoßen und trotzdem klarmachen, daß dieser Fall nicht symptomatisch für den Islam steht. Außerdem will Hormann offensichtlich weder beschönigen noch zu stark emotionalisieren.

Dank einer starken Besetzung, allen voran Almila Bagriacik als Hatun, und durch eine dramaturgisch geschickte Mischung aus fiktionalem und dokumentarischem Material, welches von einem – natürlich fiktiven – Kommentar der Verstorbenen strukturiert wird, erzeugt Hormann durchaus Intensität und Spannung. Dabei scheint es der Regisseurin vor allem darum zu gehen, die elementaren Rechte einer jungen Frau zu verteidigen, nicht unbedingt die einer Türkin. Und Hatun war vor allem das: eine lebenshungrige Frau mit einem eigenen Kopf. Das macht den Film authentisch und vielschichtig.

Trotzdem hätte man sich ruhig noch mehr trauen und stärker vom Pfad des politisch korrekt abgesicherten Erzählens abweichen können. Denn interessanterweise trifft sich fundamentalistisches Gedankengut jeglicher Couleur gerne bei den „Werten“, die wiederum auf den immer wieder gerne zitierten „Traditionen“ gründen. Frauen sollen sich demnach unterordnen und die männliche Überlegenheit bitte einfach mal akzeptieren. Deshalb sollten sich vor allem junge Menschen jeglicher Religions- und Gesinnungszugehörigkeit diesen Film ansehen, um dann lautstark, aber respektvoll über demokratische Grundwerte und Gleichberechtigung zu reden.

[ Susanne Kim ] Susanne mag Filme, in denen nicht viel passiert, man aber trotzdem durch Beobachten alles erfahren kann. Zum Beispiel GREY GARDENS von den Maysles-Brüdern: Mutter Edith und Tochter Edie leben in einem zugewucherten Haus auf Long Island, dazu unzählige Katzen und ein jugendlicher Hausfreund. Edies exzentrische Performances werden Susanne als Bild immer im Kopf bleiben ...