Originaltitel: BACKROOMS

USA 2026, 126 min
FSK 16
Verleih: Constantin

Genre: Mystery, Thriller, Horror

Darsteller: Renate Reinsve, Chiwetel Ejiofor, Mark Duplass, Finn Bennett

Regie: Kane Parsons

Kinostart: 18.06.26

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Backrooms (Everything Must Go Edition)

Hölle oder Paradies?

Der Horror des Internets tritt seinen Siegeszug an. Kane Parsons hat mit gerade einmal 19 Jahren den bislang größten Kassenschlager für die Independent-Firma A24 gedreht. Der Hype war bereits vor Kinostart groß, und man kann ohne Übertreibung sagen: Für die Generation Z dürfte BACKROOMS schon jetzt ein Horror-Meilenstein sein. Gerade weil seine Ästhetik und sein Stoff zwar medienübergreifend arbeiten, aber dezidiert in den Bildern und Kulturen des Internetzeitalters verwurzelt sind.

Es gab in den letzten Jahren Versuche, düstere Netzlegenden, sogenannte Creepypasta-Geschichten, oder auch neue Erfahrungen zu adaptieren, was es heißt, sich im digitalen Äther zu bewegen. Man hat etwa den SLENDER MAN auf die Kinoleinwand gehievt. Oder man denke an Arbeiten wie HOST, WE’RE ALL GOING TO THE WORLD’S FAIR oder die virale Web-Serie THE AMAZING DIGITAL CIRCUS. Doch die Begeisterung um das BACKROOMS-Phänomen ist noch einmal eine andere Nummer.

Backrooms, das sind diese seltsam verschachtelten, menschenleeren, unendlichen Räume. Teppichböden, gelbe Tapeten, summende, grelle Lichter. Ein Ort, an dem man sich für immer verirrt, an dem man wahnsinnig wird. Alles begann 2019 mit einem Post auf der Plattform 4chan. Seitdem sind die Backrooms zu einem Inbegriff des liminalen Horrors geworden. Dieser arbeitet mit Schwellen- und Zwischenräumen, die weder hier noch dort sind. Das sind verlassene Übergänge zwischen dem Vertrauten und Befremdlichen, dem Menschengemachten und Menschenfeindlichen, zwischen Sehnsucht und Schrecken. Sie wurden Gegenstand zahlloser Bilder, Clips, Geschichten oder Videospiel-Adaptionen, die den Mythos weiter ausschmückten.

Kane Parsons alias Kane Pixels hat mit seinen YouTube-Filmen massiv zur Popularität der Backrooms beigetragen. Nun durfte er sie für das Kino adaptieren, und das Experiment ist bestens geglückt. Sein Film schafft es nicht nur perfekt, die beklemmende, verstörende Atmosphäre des Internet-Memes zu vermitteln. Er hält auch eine beeindruckende Balance zwischen Erklärwut und Mysterium. BACKROOMS baut sich einen erzählerischen Rahmen. Gänzlich abstrakt bleibt die Erkundungstour dieser Räume also nicht. So viel Zugeständnis macht man einem Massenpublikum.

Da gibt es zwei Charaktere, gespielt von Chiwetel Ejiofor und Renate Reinsve. Er ist Besitzer eines Möbelhauses am Rande des Ruins. Eine Trennung, Armut und geplatzte Karriereträume setzen ihm zu. Sie spielt derweil seine Psychotherapeutin, die wiederum mit ihren Kindheitserinnerungen zu kämpfen hat. Als Clark, so heißt der männliche Protagonist, in seinem Geschäft ein Portal zu den Backrooms entdeckt, entwickelt er eine Obsession zu dieser anderen Welt. Mary, die Therapeutin, wird ihm folgen, um herauszufinden, wohin Clark verschwunden ist.

Am schwächsten ist der Film dann, wenn er das Setting und Szenario mit psychologischen Mustern überpinselt. Da ist also die Rede von geistigen Barrieren, hinter denen sich jemand vor der Außenwelt verschanzt. Da geht es um Traumata, die nachwirken, und das Fenster zum Inneren. Insofern sind die metaphorischen Deutungsangebote reichlich vorhanden. Hier geht es um Zerrbilder der Persönlichkeit, die Psyche als Gefängnis, um Manifestationen des Unbewußten. Ängste aus dem Alltag werden in dem Zwischenreich gespiegelt, reproduziert, verformt und verfälscht. Nichtsdestotrotz läßt BACKROOMS seine Erklärungsansätze immer wieder auch in Sackgassen geraten. So, als würde man selbst versuchen, an der Kartographierung dieser Räume teilzunehmen, und doch verläuft man sich nur weiter in all den Rätseln und offenen Fragen. Der Film banalisiert sich also weder, noch raubt er sich sein effektives Grauen. Vielmehr gehen seine Implikationen und Kontexte weit über eine rein psychologisch gedachte Therapiestunde hinaus.

Von Anfang an liegen ökonomische Existenz- und Abstiegsängste über dem Horror. Da tritt jemand auf, der sich selbst zur medialen Witzfigur degradiert, um für seinen Laden zu werben. Er lebt auf der Arbeit. Die reale Welt erscheint in ihren lebensfeindlichen, klug gefilmten Weiten, Entgrenzungen und Schrägen nicht weniger bedrohlich als ihr Pendant in den Backrooms. Es geht um finanzielle Zwänge, die Beziehungen überschatten und das durchkreuzen, was man sich im Leben vorgenommen hat. In diesem Sinne werden die Backrooms zu einem ewigen Warteraum, einem nicht enden wollenden Übergang, in dem es weder voran noch zurück geht. Daneben gibt es ebenso Punkte, an denen dieses öde Reich einen Eskapismus stimuliert, eine Lust, sich in der Ewigkeit einzurichten, in der alles bedeutungslos erscheint. Ist diese höllische Welt am Ende doch das Paradies? Warum macht es uns zugleich solche Angst?

Das sind Effekte, die in den letzten Jahren immer wieder auch als Ausgeburt spätkapitalistischer Krisenstimmungen gedeutet wurden. Die liminalen Räume sind längst intellektualisiert worden. Man hat das Phänomen in diversen Publikationen etwa mit Mark Fishers Überlegungen zur Heimsuchung, zum Seltsamen und Gespenstischen, zur Verschränkung von Nostalgie und dem Eindruck einer verlorenen Zukunft gedeutet. Die Kunsthistorikerin Valentina Tanni hat den Schwellenräumen des Internets ein ganzes Buch gewidmet, in dem sie sich unter anderem auf Fishers Thesen und Begriffe stützt.

Parsons und der Drehbuchautor Will Soodik sind sich solcher Diskurse und der Tragweite ihres Stoffes offensichtlich bewußt. Sie packen all diese Elemente in den Film, auch wenn er als erster Aufschlag nicht alles im Detail ausführen kann. Besonders interessant sind dabei die visuellen Brüche. Fisher schrieb in seiner Textsammlung „Gespenster meines Lebens“ über eine melancholische Sehnsucht nach dem Analogen, nach einer Materialität der Dinge. In dem analogen Horror von Backrooms – noch so ein Internetphänomen – wird das spürbar. Wenngleich erneut mit Schaudern! Parsons inszeniert Bilder auf Röhrenfernsehern. Er zeigt Disketten und Kassetten. Anachronismen überall. Kabel ziehen sich als Adern und Ariadnefäden durch das Labyrinth, in dem natürlich auch so etwas wie der Minotaurus lauert. Der Film erkundet Gänge in verrauschten Found-Footage-Aufnahmen aus der Egoperspektive. Und was für schaurige, intensive Szenen das ergibt!

BACKROOMS ist ein Meisterstück subtilen Grusels. Er läßt sich Zeit, den Raum, Wege und Bilder stehen und wirken zu lassen. Alles scheint hier möglich zu sein. Das macht den Film so faszinierend und unberechenbar. Welche Gestalt, welches Design, welche grotesken Requisiten lauern hinter der nächsten Tür oder dem nächsten Spalt? Stoff für Fortsetzungen ist dadurch unendlich vorhanden. Das sind endlich wieder kreative, unverbrauchte Kinobilder, die man nicht alltäglich im Horror-Genre zu sehen bekommt.

Da schwappt ebenso das Unbehagen der KI-Ära mit hinein, wenn es um das visuelle Nachahmen, das falsche Erinnern und Halluzinieren geht. Auch das macht diesen Film so gegenwärtig! Originale treffen auf ihre Abbilder, die plötzlich erschreckende, neue Gestalten formen. So lange, bis das Original verschwindet, bis da nur noch eine vage, manipulierte Ahnung existiert, eine Sammlung von Glitches und Illusionen, deren Wirklichkeit nichts Verläßliches mehr kennt. Wie lange kann man sich an etwas erinnern, bis es seinen eigentlichen Kern verliert? Alles ist immer nicht ganz da und nicht ganz weg. Alles erscheint bekannt, aber es paßt nicht so ganz zusammen. Die Backrooms fungieren als Organismus, der die Welt nach und nach aufsaugt, um die eigene Nachahmung zu trainieren, die doch nur Trugbilder und Halbfertiges, Monströses schafft. Man kann nur hoffen, daß es nicht allzu lang bis zum zweiten Teil dieses wunderbar reichhaltigen Horrorfilms dauert!

Redaktioneller Hinweis: Die Everything Must Go Edition bietet nach dem regulären Filmende weitere 15 Minuten vorher ungesehenes Material.

[ Janick Nolting ]

Backrooms (Everything Must Go Edition) ab heute im Kino in Leipzig