D/F/Türkei 2026, 128 min
Verleih: Alamode
Genre: Drama
Darsteller: Özgü Namal, Tansu Bicer, Leyla Smyrna Cabas, Ipek Bilgin
Regie: Ilker Çatak
Kinostart: 05.03.26
Fünf Studenten sitzen noch im Seminar, während der Rest schon draußen vor der Uni demonstriert. Für Aziz, Professor und Dramaturg, ist klar, daß er auch diese fünf gern auf Ankaras Straßen sehen würde. Es wird ihm zum Verhängnis. Derya, seine Frau und Schauspielerin am Staatstheater, verweigert dem anwesenden Gouverneur nach einer Vorstellung das gemeinsame Foto. Es wird ihr zum Verhängnis. Und es geht schnell. Das angesehene Künstlerehepaar ist das nächste Opfer der Willkür eines politischen Systems, bekommt gelbe Briefe, büßt durch den Verlust der Arbeit den Halt der Existenz ein, wird materiell und moralisch herausgefordert, denn es geht für Aziz und Derya um Berufe, denen sie ausgeliefert sind und die sie innig lieben. Wie Ezgi, ihre 13jährige Tochter. Mit dem Warten auf Anklage und Verhandlung beginnen die Erschütterungen. Nur Aziz’ Mutter in Istanbul, bei der die drei unterkommen, behält ihre Frohnatur. Es wird kaum reichen.
?lker Çatak hat also seinen ersten Film komplett mit einer türkischen oder türkischstämmigen Besetzung gedreht. Im Lokalen sieht er zudem die Universalität, daraus erwächst seine klar zu dechiffrierende Ambition. Aber er trifft tückische Entscheidungen. Wo es hochspannend hätte werden können, diese Universalität allein im Individuellen einer kleinen, hier familiären Gemeinschaft zu entdecken, über längere, dann intensive Zeit an ihren Verwitterungen teilhaben zu können, zerfasert die Handlung immer dann, wenn sie sich der präzisen, in die Tiefe zielenden Beobachtung von Aziz, Deyra und Ezgi entzieht und in Unschärfen, Erklärungen, Nebenschauplätze und Nebenfiguren driftet.
Warum diese Offensichtlichkeiten? Hat sich das Kinopublikum auf den als Irritation geplanten und keineswegs uninteressanten Deal eingelassen, daß Berlin und Hamburg hier „Rollen“ als Ankara und Istanbul „spielen“, warum braucht es noch die expliziten Bilder mit „1933“ an der Mauer vor dem Gerichtsgebäude oder das Verweilen der Kamera auf der Gravur „Im Namen des Volkes“ drinnen? Und warum vertraut Çatak nicht drängender dem ungesprochenen Wort, wie in einigen wirklich intensiven Szenen einer Ehe?
So ist es gar nicht nötig, die sehr präsenten Nachwirkungen seines Vorgängers DAS LEHRERZIMMER zu bemühen, um zu wissen, daß GELBE BRIEFE dann doch nicht diesen starken Fokus, nicht diese wuchtige Kraft, also komplexe Wirkung hat.
[ Andreas Körner ]