D 2025, 90 min
Verleih: Farbfilm
Genre: Dokumentation, Biographie
Regie: Sigrid Klausmann, Lina Lužyte
Kinostart: 07.05.26
Ob in einer europäischen Hütte oder in einem afrikanischen Palast geboren – allen Erdenneulingen steht die Welt in gleicher Weise offen. So verspricht es das Märchen, das wir unseren Kindern erzählen, gerade weil uns die Welt immerzu das Gegenteil vorführt. Pädagogische Notwehr. Sigrid Klausmann, Dokumentarfilmerin mit Berufserfahrungen in der Jugend- und Bewegungspädagogik, macht seit rund 20 Jahren aus der Not Anschauungsmaterial mit Anspruch, nämlich auf Wissens-, Willens- und Herzensbildung. Sie sucht und findet in sämtlichen Winkeln des Globus’ Geschichten von Lebensanfängen, die trotz bleischwerer Bedingungen ins Offene weisen. Sie bringt – wahrscheinlich zum Entsetzen der Lehrkräfte – ganzen Schulklassen bei, daß es durch manche Wand eben doch nur mit dem (eigenen) Kopf geht.
Mit GIRLS DON'T CRY setzt die inzwischen 71jährige Regisseurin nun den Schlußpunkt hinter ihre Filmkarriere. Erneut arbeitet Klausmann mit biographischen Miniaturen, die beim Springen durch Länder und Gesichter zu einer Art solidarischem Gruppenporträt zusammenwachsen. Und sie nutzt diesen letzten Auftritt auf der Kinobühne, um dem Publikum mit ihren Betrachtungen zu Gleichheit und Gerechtigkeit noch einmal dichter auf die Pelle zu rücken, sozusagen bis unter die Haut. Denn wer wie die sechs Teenager dieses Films in ein Leben als Frau startet, muß Gepäck mitschleppen, das sich so leicht nicht abwerfen läßt: kulturelle Angstbilder, gesellschaftliche Idealbilder, festgebackene Standardbilder weiblicher Identität.
Nancy aus Tansania haut ab, um der Genitalverstümmelung zu entgehen. Die Jesidin Sheelan wartet in der neuen schwäbischen Heimat nicht nur darauf, einmal als Deutschländerin wahrgenommen zu werden, sondern endlich auch ihre Schwester in Sicherheit vor den Islamisten zu wissen. Die Engländerin Page, ungewollt schwanger, entscheidet sich gegen die von Freund und Familie geforderte Abtreibung. Nina aus Serbien nimmt sich fest vor, den Roma-Männern ihr schlechtes Benehmen abzugewöhnen. Sinai aus Südkorea hat für angesagte Augenlid-OPs und allgegenwärtige K-Pop-Hysterie keine Zeit, denn sie fährt BMX. Und das Trans-Mädchen Selenna aus Chile? Die hat, was Heranwachsenden jeden Geschlechts zu wünschen ist: eine kampflustige Oma, die der empörten Nachbarschaft gehörig in die Parade fährt.
[ Sylvia Görke ]